Eine Rezension von Markus Sommer
Bd. 1: Die anthroposophische Ärzteschaft, Schwabe-Verlag, 2024
Peter Selg, Susanne H. Gross, Matthias Mochner
Unsere Vergangenheit gehört zu uns und ihre Erkenntnis ermöglicht uns Wachstum und Entwicklung, nicht zuletzt gehört deshalb die Rückschau zu den grundlegenden Übungen des spirituellen Weges. Unwahrhaftigkeiten führen dagegen – wie Rudolf Steiner wiederholt und ernst dargestellt hat1 – dazu, dass Wesenheiten entstehen, die uns herabziehen und zu Schlimmem verführen können. Wer als Mitglied einer medizinischen Fachgesellschaft in Deutschland schon etwas älter ist, hat vermutlich erlebt, wie hindernd das Verschweigen der Vergangenheit der jeweiligen Vereinigung und ihrer Exponenten in der Zeit des Nationalsozialismus wirken konnte und wie befreiend es war, als versucht wurde, genaue Erkenntnis zu gewinnen, sich zu schuldhaftem Verhalten zu bekennen und Opfer zu würdigen. Danach schien die Atmosphäre gereinigt und Zukunftsoffenheit entstanden zu sein.
Wie sieht es nun mit unserer eigenen Vergangenheit als anthroposophisch-medizinische Bewegung aus? Unwahrhaftigkeiten gibt es zumindest von zwei Seiten: Immer wieder wurde eine besondere Nähe zu nationalsozialistischen Überzeugungen und eine angebliche Förderung der Anthroposophischen Medizin durch das damalige Regime behauptet2, andererseits unterstützte u.a. das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft im November 1935 und die zunehmende Verfolgung mancher Repräsentanten der anthroposophischen Lebensfelder ab dem Juni 1941 das Gefühl, (nur) Opfer gewesen zu sein. Stimmt es, dass eine Menschenerkenntnis, die bekundet, dass wir uns in verschiedenen Geschlechtern, Kulturen und sehr verschiedenartigen Leibern verkörpert haben und dies auch zukünftig tun werden, gegen eine Ideologie immunisieren konnte, die auf (pseudo)biologischer Grundlage eine Ungleichwertigkeit der Menschen postulierte, ja vielen das Lebensrecht absprach? Und konnten solche Erkenntnisse in konkrete Lebenspraxis umgesetzt werden?
2016 veranlasste die GAÄD eine Studie zum Verhalten der anthroposophischen Ärzteschaft zwischen 1933 und 1945. Kürzlich ist ein erster, über 900 Seiten umfassender Band dazu erschienen. Allein das Literaturverzeichnis umfasst über 100 eng bedruckte Seiten. Begleitet von Prof. Dr. Thomas Beddies und Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, renommierten und für den genannten Zeitraum durch eigene Forschung besonders ausgewiesenen Medizinhistorikern, haben Peter Selg, Susanne Gross und Matthias Mochner eine gewaltige Forschungsarbeit geleistet, Hunderte von Archivalien gesichtet und eine gewaltige Informationsfülle zu einem gut lesbaren Band verdichtet, der neben großen Konturen exemplarische Einzelschicksale aufscheinen lässt.
Der Stil des Werkes ist wissenschaftlich nüchtern und wahrt objektive Distanz. Mit äußerster Akribie und beeindruckender Hartnäckigkeit wurden Tatsachen zusammengetragen und so geordnet, dass sie sich wechselseitig beleuchten, wo Unklarheiten blieben, werden sie benannt, Tausende von Belegstellen werden angeführt, wo sich keine eindeutigen Dokumente zum Nachweis tradierter Behauptungen auffinden ließen, wird dies deutlich gemacht. Trotz dieser Nüchternheit kann man das Werk nicht ohne innere Bewegung lesen. Mit größter Betroffenheit lesen wir, in wie tiefe Abgründe sich Sigmund Rascher verirrt hat (632-670), der – wie die meisten von uns wohl schon aus anderen Quellen wussten – zu den schlimmsten Ärzteverbrechern in der Zeit des Nationalsozialismus gehörte, obwohl er sich offenbar gründlich mit dem medizinischen Werk Rudolf Steiners beschäftigt hatte und eine wohlbekannte Forscherpersönlichkeit war. Mutmaßlich hat er sich allerdings in der Zeit seiner Verbrechen nicht mehr als Anthroposoph betrachtet und wollte sicher nicht als solcher gesehen werden, zumal dies für ihn in seiner Umgebung ein Nachteil gewesen wäre. Nicht zuletzt Eitelkeit und Ehrgeiz scheinen auf seine Integrität zersetzend gewirkt zu haben. Wir atmen auf, wenn wir erfahren, dass der Anteil anthroposophischer Ärztinnen und Ärzte, die nationalsozialistischen Organisationen angehörten, weit geringer war als in der allgemeinen Ärzteschaft (bei der es – je nach Statistik - etwa die Hälfte war, im anthroposophischen Feld wohl etwa ein Zehntel). Wir sind erleichtert zu lesen, dass Ita Wegman als prominenteste Anthroposophische Ärztin (die in ihrer Funktion als Sektionsleiterin allerdings im Zuge der damaligen Gesellschaftsauseinandersetzungen nach dem Tod Rudolf Steiners kaltgestellt wurde) sehr früh die Geister zu unterscheiden wusste, jede Kooperation mit Nazis ablehnte und bald nach deren Machtergreifung nach Wegen suchte, um den besonders gefährdeten jüdischen Kolleginnen und Kollegen zur Flucht und womöglich zu Arbeitsmöglichkeiten im Ausland zu verhelfen. Bereits im April 1933 (!) suchte sie nach Wegen, wie für den Schutz Gefährdeter gesorgt werden könne (193). Dabei bestand eine der vielen Schwierigkeiten nicht zuletzt auch darin, dass antisemitische und rassistische Einstellungen sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Immigrationsländern zeigten, dennoch konnte die internationale Verbundenheit der anthroposophischen Ärzteschaft oft helfen. Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte haben human, kollegial und entsprechend den ethischen Grundlagen ihres Berufsstandes gehandelt.
Wir müssen jedoch auch erkennen, dass es ebenso aber auch eigennütziges und gelegentlich niederträchtiges Verhalten gegeben hat, dessen Motive nicht nur darin bestanden haben, sich nicht selbst zu gefährden, sondern manchmal auch schlicht darin, nicht auffallen zu wollen oder gar Vorteile zu erlangen. Es gab solidarisches Verhalten – manchmal von eindrucksvoller Deutlichkeit und Opferbereitschaft, ebenso waren aber offenkundig auch anthroposophische Kreise nicht immer frei von Antisemitismus und Rassismus. Prägnant benannte es der anthroposophische Zahnmedizinstudent Ernst Schampanier (der sich nach seiner Emigration nach Großbritannien Ernest Mitchell nannte und mehrere Konzentrationslager überlebte (725): „Es war wie überall: Es gab Helden und Feiglinge“ (281). Die bewegenden biographischen Skizzen verfolgter Kolleginnen und Kollegen (722-771) geben von beidem Zeugnis. Nicht weniger eindrucksvoll sind Darstellungen von Ärztinnen und Ärzten, die Widerstand leisteten (670-722) und solchen, die sich in das NS-System verstrickten (540-670).
Die hier besprochene Studie macht deutlich, dass es keine systematische Nähe der anthroposophischen Ärzteschaft zur nationalsozialistischen Ideologie gab, im Gegenteil haben viele unserer Kolleginnen und Kollegen die Unvereinbarkeit zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus unzweifelhaft erkannt. Besonders klar schien dies im Übrigen den nationalsozialistischen Gutachtern, die über die Stellung zur Anthroposophie zu urteilen hatten, selbst gewesen zu sein: „Ihr (der Anthroposophie) Ziel sei die `Bildung zum Menschen ohne irgendwelche völkischen Bindungen´“(306) heißt es da beispielsweise in einem Gutachten des Sicherheitsdienstes und zusammenfassend, dass „die Anthroposophie in jeder Erscheinungsform (…) der nationalsozialistischen Weltanschauung entgegenstehend (sei und) eine Gefahr für die einheitliche nationalsozialistische Ausrichtung des deutschen Volkes darstellt“ (312). Dennoch gab es einige prominente Vertreter der anthroposophischen Ärzteschaft, die zumindest zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft glaubten, dass im Zuge einer Besinnung auf „natürliche Heilweisen“ auch die anthroposophische Medizin Förderung erfahren könnte und einige von ihnen konnten auch nach 1945 nicht einsehen, dass sie Fehlurteilen erlegen waren. Dass es zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten zu keiner klareren Positionierungen seitens der internationalen Anthroposophischen Gesellschaft selbst kam, lag wie in der Studie konstatiert wird, am Mangel zeitgenössischen Bewusstseins aufgrund der „Fixierung auf die internen Probleme“ und am Kreisen „um persönliche Zerwürfnisse und Gruppendynamiken“ (182).
Wir können nicht wissen, wie wir selbst gehandelt hätten und uns nicht über diejenigen stellen, die damals Entscheidungen treffen mussten, aber wir können die Vergangenheit wahrnehmen, die zu uns gehört, und wir können versuchen, uns in die damalige Lage zu versetzen, sie zu bewerten und daraus zu lernen. Das ist das Mindeste und trägt dazu bei, Dämonen zu vertreiben. Dieses herausragend recherchierte Buch ist jedem von uns zu empfehlen. Es schließt mit einem Zitat Hannah Arendts aus ihrem Aufsatz „Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?“: „Diejenigen, die nicht teilnahmen und von der Mehrheit als unverantwortlich bezeichnet wurden, waren die einzigen, die es wagten, selbst zu urteilen“ (775).
1 z.B. Steiner R: Natur- und Geistwesen und ihr Wirken in der sichtbaren Welt. GA 98. Vortr. v. 9.6.1908
2 z.B. Staudenmaier P: Between Occultism and Nazism. Anthroposophy an the Politics of Race in te Facist Era. Leiden, Boston 2014
Zum Autor:
Markus Sommer, geboren 1966, ist nicht nur ein Arzt mit außergewöhnlichem Wissen, sondern hat sich auch durch Beiträge in Zeitschriften und Bücher zum Krankheits- und Heilmittelverständnis einen Namen gemacht.
Markus Sommer ist Mitherausgeber des Vademecum Anthroposophische Arzneimittel und arbeitete viele Jahre für das Bundesamt für Arzneimittel. Seine Erfolgstitel ›Heilpflanzen‹ und ›Metalle und Mineralien als Heilmittel‹ erfreuen sich sowohl bei Laien als auch bei Fachleuten großer Beliebtheit.