Merkblatt Vitamin-K-Gabe bei Neugeborenen

Liebe Eltern, bitte lesen Sie sich diese Informationen über Vitamin K noch vor der Geburt Ihres Kindes durch und besprechen dieses Thema mit Ihrem Kinderarzt / Ihrer Kinderärztin.

 

Vitamin K und das Neugeborene

Vitamin K ist ein Vitamin, das für das Blutgerinnungssystem eine wichtige Rolle spielt. Es ist in Milch und in vielen Nahrungspflanzen, besonders reichlich in Blattgemüse, Salat, Kohl, Karotten und Sojaöl enthalten.

Menschliche Muttermilch weist von Natur aus einen niedrigen Vitamin-K-Gehalt auf. Dieser ist sehr viel niedriger als beispielsweise der von Kuhmilch. In sehr seltenen Fällen (1 von 10.000 Kindern) kann der Mangel an Vitamin K eine Blutung verursachen, die in einem Drittel der Fälle auch das Gehirn betrifft. Ein Teil dieser Blutungen führt zu einer bleibenden Behinderung oder zum Tod des Kindes. Gefährdet sind insbesondere Kinder, die eine angeborene Störung des Leber-Galle-Systems haben, da die Galle eine wichtige Rolle spielt für die Aufnahme von Vitamin K in den Organismus. Eine solche Störung ist jedoch nicht einfach zu diagnostizieren.

Der tägliche Vitamin-K-Bedarf eines jungen Säuglings liegt in der Größenordnung von 4 ?g (1 Mikrogramm ist 1 Millionstel Gramm). Zur Verhinderung von Vitamin-K-Mangelblutungen gibt es seit über 50 Jahren eine Vitamin-K-Prophylaxe für alle Neugeborenen. In Deutschland gilt die Empfehlung, allen Kindern direkt nach der Geburt und bei der 2. und 3. Vorsorgeuntersuchung jeweils 2 mg Vitamin K in Tropfenform zu verabreichen (2 mg sind 2000 ?g). Hierdurch wird das Blutungsrisiko sehr deutlich gesenkt.

 

Worauf muss besonders geachtet werden?

In den ersten Lebensmonaten sollte jede Blutung beim Kind – also z. B. Punktblutungen, Nasenbluten, Blutauflagerungen auf dem Stuhl oder auffällige Blutungsflecke an der Haut – zum Anlass genommen werden, das Kind so schnell wie möglich einem Arzt / einer Ärztin vorzustellen. Außerdem sollten eine Neugeborenen-Gelbsucht, die länger als 14 Tage anhält, sowie eine ungenügende Gewichtszunahme als mögliche Hinweise auf eine Störung des Gallenflusses ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden.

 

Fragen zur Vitamin-K-Prophylaxe

Der im Vergleich zur Kuhmilch sehr viel niedrigere Vitamin-K-Spiegel im Blut des Neugeborenen und in der Muttermilch deutet darauf hin, dass der Vitamin-K-Gehalt im Laufe der Evolution des Menschen im Vergleich zu Säugetieren gesunken ist. Das wirft die Frage auf, ob dies einen Grund hat. Handelt es sich bei diesem niedrigen Vitamin-K-Gehalt um einen Fehler der Natur, der korrigiert werden muss, oder hat dieser eine Funktion, z. B. für das starke Wachstum des Gehirns beim Säugling oder die langsame Reifung des menschlichen Skeletts? Vitamin K beeinflusst nicht nur die Blutgerinnung, sondern auch Stoffwechselprozesse im zentralen Nervensystem, am Skelett oder in den Blutgefäßen. Die langfristigen Folgen unnatürlich hoher Vitamin-K-Gaben an Säuglinge für diese Organe sind nie vergleichend untersucht worden.

Wie bei jeder anderen vorbeugenden Maßnahme entscheiden Sie, die Eltern – und diese Entscheidung ist verantwortungsvoll.

 

Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

  • Einige Eltern machen sich Gedanken darüber, ob es notwendig oder sinnvoll ist, das gerade neu geborene Kind mit einem recht hoch dosierten Vitaminpräparat zu behandeln. Manche entscheiden sich für eine kontinuierliche, niedriger dosierte Prophylaxe über einen Zeitraum von 12 Wochen. Hierbei werden tägliche Gaben von 25 oder 50 ?g empfohlen. Diese Prophylaxe kann ergänzt werden durch eine einmalige höher dosierte Gabe von 1?2 mg direkt nach der Geburt zum verstärkten Schutz vor Blutungen in den ersten beiden Lebenswochen. Die Aufnahme von Vitamin K wird verbessert, wenn unmittelbar nach der Verabreichung gestillt bzw. Milch gegeben wird.
    Bei dieser täglichen, niedrig dosierten Prophylaxe erhält das Kind um ein Vielfaches mehr an Vitamin K, als es alleine über die Muttermilch erhalten würde. Ein Vergleich der Schutzwirkung dieser Methode mit der in Deutschland offiziell empfohlenen Gabe von 2 mg jeweils zu den ersten drei Vorsorgeuntersuchungen wurde bisher in Studien nicht untersucht. Bei sehr selten vorkommenden schweren Störungen des Gallenflusses kann der Schutz jeder Methode, bei der das Vitamin K über den Verdauungstrakt verabreicht wird, unzureichend sein.
    Eine ölige Lösung für die kontinuierliche, niedriger dosierte Vitamin-K-Gabe wird in einigen darauf spezialisierten Apotheken hergestellt: Vitamin K, ölige Tropfen, verschiedene Rezepturen (z. B. 7, 14 ?g/Tropfen oder 12,5 ?g/Tropfen). Dosierung: Wenn nicht anders verordnet, täglich 25–50 µg über 12 Wochen nach der Geburt. Bitte die Angabe der Apotheke beachten, wie vielen Tropfen dies entspricht.
  • Erhöhung des Vitamin-K-Gehalts der Muttermilch durch die Ernährung: Als stillende Mutter achten Sie ohnehin sehr auf Ihre Ernährung. Dabei ist es möglich, durch reichlichen Verzehr von Haferflocken, täglich frischem (!) Blattsalat, Blattgemüse, Möhren, verträglichen Kohlsorten wie Brokkoli oder die Verwendung von Maiskeim- oder Olivenöl als Speise- und Salatöl den Vitamin-K-Gehalt der Muttermilch mehr als zu verdoppeln.
    Bei dieser Art der Prophylaxe ist der Schutz vor einer Blutung vermutlich nicht so groß wie bei der Gabe von Vitamin-K-Tropfen. 100 ml Muttermilch enthalten durchschnittlich nur 0,12 Mikrogramm Vitamin K! Der Schutz vor Blutungen durch dieses Vorgehen ist bisher nicht in Studien untersucht worden.
  • Flaschennahrung ist in Deutschland immer mit Vitamin K angereichert, in einer Dosierung von 50 ?g pro Liter. Falls Ihr Kind überwiegend Flaschennahrung erhält, kann nach einer Gabe von 1–2 mg direkt nach der Geburt erwogen werden auf die zusätzliche Gabe von Vitamin K zu verzichten.
    Bitte besprechen Sie rechtzeitig mit Ihrem Kinderarzt / Ihrer Kinderärztin, ob und wie Sie eine Vitamin-K-Prophylaxe bei Ihrem Kind durchführen wollen. Dieses Merkblatt dient lediglich dazu, ein solches Gespräch anzuregen und vorzubereiten, kann und will es aber nicht ersetzen.

Stellungnahme der GAÄD zur Vitamin-K-Prophylaxe

3. November 2015

Der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wurde vor kurzem von einem Jungen berichtet, der sechs Wochen nach Geburt eine schwere, durch Vitamin-K-Mangel bedingte Hirnblutung erlitten hat. Im Hintergrund des von den Eltern gewählten Vorgehens standen auch Informationen des GAÄD-Merkblattes zur Vitamin-K-Prophylaxe. Die GAÄD hat den Vorfall zum Anlaß für die folgende Stellungnahme genommen. 

Zum Download der Stellungnahme »


19. Aufl., Mai 2020

Dieses Merkblatt können Sie gegen eine geringe Schutzgebühr bei der GAÄD-Geschäftsstelle bestellen. Download Bestellformular »

 

Autoren

Nicola Fels, Kinder- und Jugendärztin, Krefeld
Dr. med. Markus Krüger, Kinder- und Jugendarzt, Aichtal
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Dr. med. Christoph Meinecke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Prof. Dr. med. Alfred Längler, Leitender Kinder- und Jugendarzt, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München

 

Literaturempfehlungen

Die aktuelle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zu Vitamin K vom März 2013: www.dgkj.de/wissenschaft/stellungnahmen bzw. doi.org/10.1007/s00112-012-2827-x.

Die aktuelle Aufarbeitung und  Stellungnahme des Health Council of the Netherlands: www.healthcouncil.nl/documents/advisory-reports/2017/04/11/vitamin-k-for-infants.

Längler A, Madeleyn R, Maris B, Meinecke C, Soldner G. Leitlinie und Merkblatt zum Thema Vitamin-K-Prophylaxe. Der Merkurstab 2007;60(1);62–65.

Längler A, Madeleyn R, Maris B, Meinecke C, Soldner G. Leitgedanken zur Vitamin-KProphylaxe
im Säuglingsalter. Der Merkurstab 2014;67(2): 154–156.

Vagedes J, Soldner G. Das Kinder-Gesundheitsbuch. Kinderkrankheiten ganzheitlich vorbeugen und heilen. 2. Aufl. München: Gräfe und Unzer; 2013. (Vgl. S. 43 zu Vitamin K.)

 

Herausgeber

Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V. (GAÄD)
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80336 München

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