Schutz des Mikrobioms in Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit

Stand: Mai 2018

In den letzten Jahren erleben wir einen grundsätzlichen Wandel im Verständnis unseres Zusammenlebens mit Mikroorganismen aller Art. Die veraltete Vorstellung einer Abgrenzung unseres „keimfreien“ Körpers vor den Keimen der Umgebung wurde zu einem grundlegenden Verständnis des komplexen Ökosystems zwischen Körperzellen und Mikroorganismen weiterentwickelt. Dabei geht es nicht nur um die seit Langem bekannte Besiedlung der äußeren Haut, von Mund und Nase, Darm und Vagina. Vielmehr scheint unser ganzer Körper der aktuellen Forschung zufolge von einer mikrobiellen Flora durchdrungen zu sein, durch die die biologische Effizienz unseres Organismus maßgeblich mitbestimmt wird.

Diese neuen Erkenntnisse führen auch zu einer grundsätzlichen Neubewertung der Antibiotikatherapie, die zwar unstrittig die Invasion äußerer Keime abzuwehren vermag, zugleich jedoch die innere Keimwelt, unser Mikrobiom, ungünstig beeinflusst.

Ein großes Umdenken findet auch im Fachgebiet der Geburtshilfe statt: Bisher galt das Kind im Mutterleib als absolut keimfrei. Man glaubte, das Kind würde steril in eine Welt der Mikroorganismen hineingeboren und sein Körper müsse sofort erkennen, welche Keime gefährlich und welche harmlos sind. Heute wissen wir, dass genau dieser Lernprozess bereits während der Schwangerschaft einsetzt und innerhalb der ersten Lebenswochen und -monate ausreift. In dieser Phase sind das werdende Mikrobiom und das lernende Immunsystem besonders abhängig von ihrer Umgebung. Die (vaginale) Geburt und das Stillen tragen wesentlich zur Entwicklung eines gesunden Mikrobioms bei.

Mit diesem neuen Wissen müssen verbreitete Routinen in der Geburtshilfe neu überdacht und gewichtet werden. Das vorliegende Merkblatt soll Ihnen eine Orientierung zum aktuellen Forschungsstand geben und Ihnen Ihre Entscheidungen bei der Geburtsplanung erleichtern. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Ärztin / Ihrem Arzt und Ihrer Hebamme darüber oder nehmen Sie bei Fragen Kontakt mit uns auf.

Was ist das Mikrobiom?

Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den menschlichen Körper besiedeln, sowohl außen auf der Haut als auch in Körperräumen wie Mund, Nase, Darm, Anus und Vagina – und nach neueren Erkenntnissen auch an den inneren Körpergeweben und Organen. Im Vergleich zur Anzahl der Körperzellen eines erwachsenen Menschen umfasst das Mikrobiom zehnmal so viele Mikroorganismen. Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist dabei für jedes Individuum spezifisch. Der menschliche Organismus geht mit diesen Mikroorganismen eine komplexe Symbiose im Sinne einer hoch effektiven Arbeitsteilung ein, durch die er sich an die Umweltbedingungen besser anpassen kann.
Wir wissen heute, dass die Zusammensetzung und Vielfalt der mikrobiellen Flora in einem engen Zusammenhang steht mit der Erhaltung von Gesundheit bzw., bei deren Beeinträchtigung, mit der Entstehung von Krankheiten.
Eine gesunde mikrobielle Besiedlung ist wichtig für die Reifung des kindlichen Immunsystems. Mit der Hilfe der Mikroorganismen lernen die Immunzellen zu unterscheiden, welche Nahrungsbestandteile und Mikroben gut für den Körper sind und gegen welche sie den Körper schützen müssen. In einem Wechselspiel zwischen dem Immunsystem und dem Mikrobiom wird ein Gleichgewicht zwischen Toleranz und Abwehr, zwischen antientzündlichen und entzündlichen Prozessen geschaffen.
Eine gestörte mikrobielle Besiedlung (Dysbiose) und eine abweichende Reifung des Immunsystems können zum einen eine erhöhte Bereitschaft für Entzündung und Abwehr  fördern, zum anderen in eine geschwächte Abwehr- und Schutzfunktion führen. Insbesondere die frühe mikrobielle Dysbiose in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr ist mit der Entwicklung immunvermittelter Erkrankungen assoziiert.

Mikrobiom und Schwangerschaft

Die Entwicklung des Mikrobioms eines Menschen nimmt ihren Anfang bereits im Mutterleib, um dem Kind optimale Voraussetzungen für den Umgang mit seiner künftigen Keimumgebung zu ermöglichen. Das bedeutet, dass die Mutter ihr Kind in drei Stufen mit den relevanten Keimen seiner künftigen Umgebung „beimpft“:

  • Während der Schwangerschaft: Weiße Blutkörperchen der Mutter nehmen Bakterien des Darms und der Mundhöhle auf und transportieren diese zur Plazenta, über die sie zum Kind übertreten.
  • Beim Geburtsvorgang: Die Passage des Kindes durch das vaginale Mikrobiom der Mutter im Geburtskanal prägt die mikrobielle Besiedlung nach der Geburt und scheint von großer Bedeutung für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems zu sein.
  • Beim Stillen: Die mütterliche Brust wird im Schwangerschaftsverlauf und während der Geburt mit Bakterien angereichert, die über die Muttermilch zum Kind gelangen. Auch dieser Prozess sowie der intensive Haut-zu-Haut-Kontakt beim Stillen scheinen für die Stärkung der kindlichen Immunabwehr bedeutsam zu sein.

Jede dieser drei Beimpfungsphasen hat einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Immunsystems. Eine Störung der Keimbesiedelung – z. B. bei Umgehung des vaginalen Geburtsweges durch einen Kaiserschnitt oder durch Schädigung des vaginalen Mikrobioms durch Antibiotika – scheint sich deutlich auf die Stabilität des kindlichen (und auch des späteren erwachsenen) Immunsystems auszuwirken und die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten wie Asthma oder Diabetes zu begünstigen.
Alle diese Überlegungen geben Anlass, heute weit verbreitete therapeutische oder präventive Konzepte neu zu überdenken. Dies gilt prinzipiell für die gesamte ärztliche Heilkunde, insbesondere aber für den Umgang mit Schwangeren. Jeder Eingriff in das sensible Gleichgewicht des Immunsystems muss hinsichtlich potenzieller Nachteile sorgfältig abgewogen werden. Dies gilt insbesondere für die Antibiotikatherapie bei Schwangeren, die eine besonders sorgfältige Risiko-Nutzen-Bewertung verlangt.

Das Problem der B-Streptokokken

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein genauerer Blick auf das Vorgehen und die Folgen des Screenings auf B-Streptokokken und deren Behandlung: Eine sehr seltene, wegen ihres oft schwer beherrschbaren Verlaufs jedoch gefürchtete Komplikation der ersten Stunden nach der Geburt ist eine lebensbedrohliche kindliche Infektionskrankheit: die frühe Form der Neugeborenensepsis. Seit Langem ist bekannt, dass diese Erkrankung vor allem bei Kindern auftritt, deren Mütter in Darm oder Scheide mit einem relativ häufig auftretenden Bakterium besiedelt sind, den sogenannten B-Streptokokken. Lange Zeit glaubte man, das Kind würde sich während der vaginalen Geburt mit diesen Bakterien „infizieren“. Um dies zu verhindern, empfiehlt man bis heute, „Risiko-Mütter“ durch einen Abstrich von Scheide und Darm bereits in der Spätschwangerschaft zu identifizieren und den Keimübertritt auf das Kind durch eine Antibiotikagabe bei der Geburt zu verhindern.
Mit diesem Antibiotikum werden leider auch viele „gute“ vaginale Bakterien beseitigt, die dem Kind sonst sinnvollerweise mitgegeben würden.
Die Probleme bei diesem Vorgehen sind folgende: Ca. 25–30% der gesunden Schwangeren haben, ohne Beschwerden und ohne es zu wissen, B-Streptokokken in ihrer Scheide und/oder ihrem Darm. Nur ein Bruchteil der Kinder erkrankt tatsächlich an einer B-Streptokokkensepsis (ohne Antibiotikagabe vor der Geburt ca. 0,5%, mit Antibiotikagabe ca. 0,1%). Existenziell gefährlich werden kann die Infektion vor allem für die zu früh geborenen Kinder.
Aus anderen Ländern (z.B. den USA) ist bekannt, dass zwar die Anzahl der Neugeborenen mit B-Streptokokkensepsis sinkt, wenn oben genanntes Verfahren durchgeführt wird, gleichzeitig jedoch die Zahl der Kinder, die eine durch andere Bakterien verursachte Sepsis erleiden, ansteigt. Schließlich muss auch die Langzeitauswirkung dieser Antibiotikagabe unter der Geburt auf die Keimbesiedlung des Kindes und damit auf die Entwicklung der Darmfunktion und des Immunsystems bedacht werden. Möglicherweise können dadurch in dieser sehr sensiblen Phase der bakteriellen Erstbesiedlung Störungen und spätere Erkrankungen verursacht werden.
Auch gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass die Neugeborenensepsis nicht durch B-Streptokokken aus der Vagina der Mutter verursacht wird, sondern durch eine autoimmunähnliche Reaktion gegen das eigene kindliche Lungengewebe. In diesem Fall kann die antibiotische Behandlung einer vaginalen Infektion dieser Erkrankung nicht vorbeugen.
Dies alles ist ernsthaft abzuwägen, bevor eine solche Routinemaßnahme vorgenommen wird. Nach dem heutigen Kenntnisstand zum Mikrobiom sollte eine vorsorgliche Antibiotikagabe unter der Geburt sorgfältig geprüft und nur bei entsprechender Aufklärung der Patientin vorgenommen werden.

Wie können Sie selbst zur Entwicklung eines gesunden Mikrobioms Ihres Kindes beitragen?

Schon lange im Vorfeld einer möglichen Befruchtung sollten Sie Ihr eigenes Mikrobiom, das heißt, das bakterielle Milieu auf Ihrer Haut, in Ihrer Mundhöhle, in Darm und Scheide so gesund wie möglich erhalten.
Das bedeutet für die Ernährung: Nehmen Sie Ihre Mahlzeiten regelmäßig ein und achten Sie möglichst auf vollwertige biologische Lebensmittel. Essen Sie abwechslungsreich: Gemüse, Getreide, Obst, Rohkost, Sauermilchprodukte, wenig und qualitativ hochwertiges Fleisch (ohne Antibiotika im Tierfutter). Reduzieren Sie so weit wie möglich den Verzehr von Zucker, Süßigkeiten, süßen Getränken und Kuchen. Vermeiden Sie Weißmehlprodukte (helle Brötchen, helle Nudeln) und greifen Sie stattdessen lieber zu Vollkorndinkel- oder Roggenprodukten. Wenn Verdauungsstörungen vorliegen oder wenn Sie in den letzten Monaten vor der Schwangerschaft ein Antibiotikum genommen haben, ist es ratsam, die Darmflora extra mit Naturjoghurt, Sauerkraut, Kanne Brottrunk (täglich ein Glas über 4-6 Wochen) oder Probiotika zu unterstützen. Probiotika sind Zubereitungen, die Mikroorganismen enthalten (wie zum Beispiel Milchsäurebakterien) und bewirken sollen, dass das Mikrobiom nach einer Antibiotikaeinnahme wieder ins Gleichgewicht gelangt. Es sind viele solcher Produkte auf dem Markt, wenn auch ihre positive Wirkung noch nicht hinreichend belegt ist.
Da in der Regel auch der Vater in engem Kontakt mit dem Neugeborenen sein wird, gelten diese Empfehlungen natürlich auch für ihn.
Aus dem gleichen Grund raten ganzheitlich bzw. systemisch arbeitende Zahnärzte dazu, dass möglichst beide werdenden Eltern schon vor Beginn der Schwangerschaft zum Zahnarzt gehen, um eventuell vorhandene Entzündungen oder Karies behandeln und eine professionelle Zahnreinigung durchführen zu lassen. Es ist sinnvoll, eine solche Zahnreinigung auch während der Schwangerschaft im 3./4. und 7./8. Monat zu wiederholen. Auch dies gilt für beide Eltern. Selbstverständlich gehört eine sorgfältige Zahnpflege (mit fluoridfreier Zahnpasta und Zahnseide, siehe auch das GAÄD-Merkblatt zu Fluorid) dazu.
Wenn unüblicher vaginaler Fluor oder andere Hinweise auf einen Scheideninfekt vorliegen, sollte dies gynäkologisch abgeklärt und wenn möglich ohne Antibiotika behandelt werden. Während der Schwangerschaft ist es ratsam, ein- bis zweimal die Scheidenflora untersuchen und ggf. behandeln zu lassen.
Treten während der Schwangerschaft Infekte wie zum Beispiel eine Blasenentzündung, Bronchitis oder Halsentzündung auf, ist es im Hinblick auf die oben beschriebenen Folgen einer antibiotischen Therapie für das Mikrobiom (von Mutter, Vater und Kind) anzustreben, diese Infekte ohne Antibiose zu behandeln. Dies ist in weit über 80% der Fälle bedenkenlos möglich, wenn Sie entsprechend medizinisch begleitet werden.

Verantwortliche Autoren

Dr. med. Miriam Bräuer, Frauenärztin, Herdecke
Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Frauenarzt, Dresden
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Isabelle Ommert, Weiterbildung zur Kinder- und Jugendärztin, Witten
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München

Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen

Literatur 

·      Hildebrandt S. Das B-Streptokokken-Problem – ein Update. Hebammenforum 2016;10:1088–1093.

·      Hanley J. Neonatal infections: group B streptococcus. BMJ Clin Evid 2008;0323.PMC2907963.

·      Wassenaar TM, Panigrahi P. Is a foetus developing in a sterile environment? Lett Appl Microbiol 2014;59(6):572–579. DOI: https://doi.org/10.1111/lam.12334.

·      Fox C, Eichelberger K. Maternal microbiome and pregnancy outcomes. Fertil Steril 2015;104(6):1358–1363. DOI: https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2015.09.037.

·      Soldner G, Stellmann H. Individuelle Pädiatrie: Leibliche, seelische und geistige Aspekte in Diagnostik und Beratung. 4. Aufl. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2011.

 

 

 

 


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Stand: Mai 2018

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