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Merkblatt-HPV-Impfung

Seit Ende 2006 steht die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) zur Verfügung, die vor Gebärmutterhalskrebs schützt. In den Medien wurde schon viel über die HPV-Infektion und die HPV-Impfung berichtet. Für eine abgewogene Entscheidung, ob eine Impfung für Sie oder Ihre Tochter / Ihren Sohn sinnvoll ist, kann es darüber hinaus hilfreich sein, einige weniger bekannte und auch kritische Aspekte zu berücksichtigen. Dieses Merkblatt möchte Sie dabei unterstützen.

 

Was sind humane Papillomaviren?

Die humanen Papillomaviren (HPV) bilden eine große Gruppe von weit über 100 verschiedenen Virustypen. Die meisten HPV-Typen sind ungefährlich. Sie können Erkrankungen an Haut oder Schleimhaut verursachen, etwa harmlose Warzen an Händen oder Füßen, die in den allermeisten Fällen innerhalb von zwei bis drei Jahren wieder verschwinden. Wiederum andere Virustypen können die verbreiteten Feigwarzen im Genitalbereich hervorrufen. Diese lassen sich, falls sie nicht spontan abheilen, mit Salben, Laser, Kältetherapie oder chirurgischen Maßnahmen behandeln. Eine gezielte antivirale Behandlung gibt es nicht.

Die Übertragung der HP-Viren im Genitalbereich geschieht fast ausschließlich über sexuelle Kontakte. Der größte Teil der Bevölkerung wird im Laufe des Lebens mindestens einmal von HP-Viren besiedelt, sodass die HPV-Infektion als die am weitesten verbreitete sexuell übertragbare Infektion gilt. In ca. 80 % der Fälle ist eine HPV-Infektion vorübergehend und verschwindet innerhalb von zwei bis drei Jahren spontan ohne Symptome (1).

Bestimmte Faktoren wie ein spätes Erkrankungsalter, Rauchen, langjährige Einnahme der Pille, allgemeine Abwehrschwäche oder vaginale Infekte bei häufig wechselnden Sexualpartnern erschweren es dem Immunsystem, die HPV-Infektion zu überwinden.

 

Dysplasien und Gebärmutterhalskrebs

Eine Untergruppe von mindestens 12 HP-Virustypen kann fortschreitende Zellveränderungen (Dysplasien) am Muttermund bis hin zu Gebärmutterhalskrebs verursachen. Diese HPV werden als Hochrisikoviren bezeichnet. Je nach Schweregrad der Dysplasie heilen 30–60 % auch ohne Therapie im Laufe von ein bis drei Jahren wieder ab, bei unter 35-Jährigen sogar mehr (1). Viele Befunde ändern sich auch über viele Jahre nicht. Bei etwa 10 % der betroffenen Frauen kann aus den Zellveränderungen im Laufe von Jahren eine Krebsvorstufe entstehen (2).

Weniger als 1 von 100 Frauen, die mit einem Hochrisikotyp infiziert sind, erkrankt im Durchschnitt etwa 15 Jahre nach der Infektion an Gebärmutterhalskrebs (2). Geht man regelmäßig zur gynäkologischen Früherkennungsuntersuchung („Krebsvorsorge“), sinkt das Risiko deutlich.

Da bei über 95 % der Frauen mit Gebärmutterhalskrebs eine Hochrisiko-HPV-Infektion vorliegt, ist ein ursächlicher Zusammenhang naheliegend. Andere, sehr seltene Spätkomplikationen einer HPV-Infektion sind Vulvakrebs, Peniskrebs, Analkrebs und einige seltene Krebsarten im Mund- und Rachenraum.

 

Stellenwert der Früherkennung

Es gibt kaum eine Krebsart, die in der Früherkennung so gut diagnostiziert werden kann wie der Gebärmutterhalskrebs. Seit der Einführung der gynäkologischen Früherkennungsuntersuchung in Deutschland konnte die Häufigkeit der Erkrankung um 60–70 % gesenkt werden, obwohl nur rund die Hälfte der Frauen regelmäßig zur Untersuchung geht.

Mit Abstrichen von Gebärmutterhals und Muttermund lassen sich Infektionen mit dem HP-Virus, Zellveränderungen und Vorstadien von Gebärmutterhalskrebs erkennen. Bestätigt sich der Befund bei Kontrolluntersuchungen, ist die Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) angezeigt.

Bei leichten bis mittelgradigen Zellveränderungen oder dem Nachweis der Virusinfektion ist eine regelmäßige Abstrichkontrolle, ggf. in einer Dysplasiesprechstunde, notwendig, um ein Fortschreiten zur Krebserkrankung nicht zu übersehen.

Bei hochgradigen Zellveränderungen oder bei Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium führt eine operative Entfernung (Konisation) des veränderten Gewebes in aller Regel zur Heilung. Nur bei einem fortgeschrittenen Gebärmutterhalskrebs sind die Entfernung der Gebärmutter und weitere onkologische Maßnahmen unumgänglich.

 

Was kann die HPV-Impfung? Was kann sie nicht?

2006 kamen erste Impfstoffe gegen HPV auf den Markt und wurden sehr bald auch für alle Mädchen empfohlen. Es gibt derzeit zwei Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind: Cervarix® gegen die Hochrisiko-HPV 16, 18 und Gardasil® 9 zusätzlich gegen die Hochrisiko-HPV 31, 33, 45, 52, 58 und gegen die Genitalwarzen auslösenden HPV-Typen 6, 11.

Ein Impfschutz gegen die genannten Viren lässt sich am wirkungsvollsten erzielen, wenn bis zum Zeitpunkt der Impfung noch keine Infektion mit den entsprechenden HPV erfolgt ist. Darum wird empfohlen, die Impfung noch vor dem üblichen Beginn des sexuell aktiven Lebens, also im Alter zwischen 9 und 14 Jahren, durchzuführen. Sie soll zweimal im Abstand von 6 Monaten, bei Impfbeginn nach dem 14. Geburtstag dreimal innerhalb eines Jahres durchgeführt werden. Langzeitstudien zur Dauer des Impfschutzes und Empfehlungen für Auffrischimpfungen liegen noch nicht vor.

In Deutschland wird seit 2018, ebenso wie schon länger in Österreich und der Schweiz, auch die Impfung aller 9- bis 14-jährigen Jungen empfohlen. Dies soll die sog. Herdenimmunität verbessern und vor einigen sehr seltenen Krebsformen an Penis und Anus schützen. Hier stellt sich die Frage, ob man sich bei einem Impfstoff, der durchaus risikobehaftet ist, aus den sozialen Gründen einer Herdenimmunität impfen lassen sollte, auch wenn der persönliche Nutzen eher gering ist.

 

Wie kann ich mich vor Gebärmutterhalskrebs schützen?

  • Das Risiko einer Infektion mit HPV oder anderen sexuell übertragbaren Viren (z. B. Hepatitis-B-Virus, HIV) wird durch häufig wechselnde sexuelle Kontakte erhöht. Kondome bieten einen guten, aber keinen hundertprozentigen Schutz vor den am Muttermund einwirkenden Hochrisiko-HPV-Typen.
  • Ob jemand nach dem Kontakt mit einem HP-Virus infiziert wird und ob die Infektion bestehen bleibt oder wieder ausheilt, hängt entscheidend von der Widerstandsfähigkeit des Organismus ab. Hierauf können alle selbst Einfluss nehmen, zum Beispiel durch eine verantwortungsbewusste Ernährung, einen gesunden Lebensrhythmus, Schlaf, Sport sowie das Vermeiden von Suchtverhalten, insbesondere Rauchen.
  • Durch die übliche Krebsfrüherkennungsuntersuchung (Pap-Test) sind Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs fast immer rechtzeitig zu erkennen und lassen sich mit einem ambulanten Eingriff operativ entfernen. Auch HPV-Geimpfte sollten das Früherkennungsangebot wahrnehmen, denn die Impfstoffe Cervarix® und Gardasil® 9 schützen nur gegen die am häufigsten vorkommenden, aber nicht gegen alle Typen der Hochrisiko-HP-Viren, die mit Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht werden. Aktuelle Studien ergaben jetzt, 14 Jahren nach Einführung der Impfung, dass nicht nur das Risiko höhergradiger Dysplasien deutlich reduziert wird, sondern auch das eigentliche Ziel der Impfung belegt werden kann: Das Risikos für Gebärmutterhalskrebs wird bei Geimpften um 63 % gesenkt, bei Frauen, die vor dem 17. Geburtstag geimpft wurden, sogar um 88 %, und bei denjenigen, die die Impfung zwischen dem 17. und 30. Lebensjahr erhielten, um 53 %. Es ist ungeklärt, ob dieser Unterschied mit dem Alter des ersten Geschlechtsverkehrs oder mit Besonderheiten des jüngeren Immunsystems zusammenhängt

 

Nebenwirkungen

Als Begleiterscheinungen der Impfung können Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Gelenkschmerzen auftreten. Seltene schwerwiegende Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Impfung gemeldet wurden, sind u. a. allergischer Schock, Lungenembolie, Eierstockversagen, chronisches Schmerzsyndrom sowie autoimmune und neurologische Erkrankungen.

 

Hintergründe zur Impfstoffentwicklung

Wie öfter bei der Markteinführung neuer Arzneimittel spielen auch Wirtschaftsinteressen eine Rolle. Bei der Zulassung der HPV-Impfung gab es einige Auseinandersetzungen innerhalb des sog. Cochrane-Netzwerks, welches die wissenschaftliche Verlässlichkeit von Zulassungsstudien bewertet. In der Folge wurden erhebliche Bedenken gegenüber den Zulassungsbehörden geäußert (3, 4).

 

Verschiedene Dimensionen des Impfentscheids

Seit 2020 liegt der Nachweis vor, dass das Gebärmutterhalskrebsrisiko durch die Impfung tatsächlich gesenkt werden kann, vor allem wenn sie früh erfolgt.

Welche weiteren Faktoren haben einen Einfluss auf die Senkung des Risikos für Gebärmutterhalskrebs? An erster Stelle steht hier die regelmäßige gynäkologische Untersuchung mit Abstrich und Mikroskopie der Scheidenflora. Weiter spielen der Lebensstil, das Sexualleben und die Verhütungsart eine große Rolle. Und schließlich ist die Gesundheit der Scheidenflora (vaginales Mikrobiom) von Bedeutung. Diese wird zum Beispiel stark beeinträchtigt durch die Pille oder häufige antibiotische Therapien.

Die genannten Aspekte sowie die noch offenen Fragen zeigen, dass die Impfentscheidung derzeit auch nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken schwierig ist.

Die positive Botschaft von Eltern und Ärzt*innen an Jugendliche könnte lauten: „Wir möchten Dich unterstützen, Deine eigene Entscheidung zu treffen. Wir gehen davon aus, dass ein achtsamer Umgang mit den Themen der Lebensführung und der frauenärztlichen Krebsvorsorge eine wesentliche Grundlage bildet für die Verhütung von Gebärmutterhalskrebs. Ob eine HPV-Impfung hinzutreten soll, solltest Du möglichst selbst entscheiden.“

Die Urteilsbildung über die HPV-Impfung erscheint somit als pädagogische und medizinische Herausforderung. Suchen Sie dazu das Gespräch mit Ihrem Kind und gerne auch mit Frauen-, Kinder- und Hausärzt*innen.


8. aktualisierte Aufl., Juni 2020

Dieses Merkblatt können Sie gegen eine geringe Schutzgebühr bei der GAÄD-Geschäftsstelle bestellen. Download Bestellformular »

 

Autoren

Dr. med. univ. Marlene Weinzirl-Brandl, Frauenärztin, Basel (CH)
Angelika Maaser, Frauenärztin, Berlin
Dr. med. Christoph Meinecke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München
Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen

 

Herausgeber

Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V. (GAÄD)
Herzog-Heinrich-Straße 18
80336 München

Tel. (089) 716 77 76-0, Fax -49

www.gaed.de | infonoSpam@gaed.de

Literatur

  1. Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Prävention des Zervixkarzinoms. Version 1.1. März 2020. AWMF-Registernummer 015/027OL. Verfügbar unter https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-027OLl_Praevention_Zervixkarzinom_2020-03-verlaengert.pdf (31.05.2021).
  2. Humane Papillomviren: Ein Risiko für die Gesundheit? Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft. Krebsinformationsdienst. Verfügbar unter https://www.krebsinformationsdienst.de/service/iblatt/iblatt-hpv-allgemein.pdf (31.05.2021).
  3. Hirte M. HPV-Impfung: Nutzen, Risiken und Alternativen der Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge. München: Knaur MensSana; 2016.
  4. Götzsche P. Impfen – Für und Wider. Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung. München: Riva Verlag; 2021.