Säuglingsernährung

Stand: Februar 2017

Die Qualität und Zusammensetzung der Ernährung hat einen großen Einfluss auf unsere körperliche und psychische Gesundheit. Dies gilt für Säuglinge noch mehr als für Erwachsene. Die moderne industrielle Säuglingsnahrung ist heute streng kontrolliert, standardisiert, konserviert und wird ergänzt mit Mineralien und Vitaminen, um möglichst keinen Mangel auftreten zu lassen. Dabei fehlt jedoch die lebendige Frische. Wer für die Ernährung seines Säuglings selbst die Verantwortung übernehmen will, muss sich informieren und aktiv werden.

Muttermilch ist die beste Ernährung

Die beste Nahrung für das Neugeborene und den Säugling ist die Muttermilch, die beste Ernährungsform das Stillen. Wir empfehlen im Einklang mit der WHO, nach Möglichkeit 6 Monate ausschließlich zu stillen, danach geeignete Beikost einzuführen und noch weiter zu stillen. Das genaue Vorgehen kann mit dem Kinderarzt besprochen werden, der Ihr Kind kennt und im Rahmen der weiteren Vorsorgen (U6, U7) regelmäßig untersucht.
Das Stillen versorgt Ihr Kind nicht nur mit individueller und wohlschmeckender Nahrung, sondern auch mit emotionaler Nähe und Bindung. In den ersten 4–6 Wochen ist die Stillfrequenz sehr individuell und es können 6–12 Stillmahlzeiten innerhalb von 24 Stunden gegeben werden. Das häufigere Stillen wirkt sich vorteilhaft auf die Milchbildung aus. Wir empfehlen anfangs Stillen nach Bedarf, das bedeutet, immer dann zu stillen, wenn Sie erkennen, dass Ihr Baby Hunger hat. Durch Ihre Erfahrung und ggf. fachliche Anleitung lernen Sie immer besser, Hunger von Unruhe durch andere Ursachen zu unterscheiden. Mit der Zeit stellt sich eine Regelmäßigkeit ein, die wünschenswert ist und dem Kind wie der Familie bei der Vermeidung von Stress und Überforderung helfen kann.Ernährung und Lebensweise der Mutter haben bereits in der Schwangerschaft und während der gesamten Stillzeit einen großen Einfluss auf die Qualität der Muttermilch. Eine ausgewogene Vielfalt an Getreide, Gemüse, Obst und Milchprodukten in biologisch-dynamischer (Demeter-) oder Bio-Qualität ist sehr empfehlenswert. Es ist gut, in dieser Zeit auf Genussmittel zu verzichten und regelmäßig Zeit im Freien zu verbringen (z.B. tägliche Spaziergänge). Mütter, die sich vegan ernähren, sollten ihren Vitamin-B12-Spiegel kontrollieren lassen. Ein Vitamin-B12-Mangel bei Mutter und Kind muss unbedingt vermieden werden.

Was tun, wenn nicht oder nur kurze Zeit gestillt werden kann? Bei guter Stillanleitung kann nahezu jede Mutter ihr Kind stillen. Bei unzureichender Milchbildung sollte zunächst alles getan werden, um die Muttermilchmenge zu erhöhen, was durch Stillberatung, Ruhe, gute, reichhaltige Ernährung der Mutter, Entlastung im Haushalt etc. geschehen kann. Wenn trotz optimaler Unterstützung zugefüttert werden muss, sollte Muttermilchersatz gegeben werden. Hierzu gibt es industrielle Säuglingsfertignahrung mit konventionellen oder biologischen Zutaten. Bei allen Sorten werden gesetzlich vorgeschriebene Mineralstoffe und Vitamine hinzugefügt. Die Menge und Qualität dieser Zusätze und ihre Aufnahmemöglichkeit durch den Stoffwechsel des Säuglings sind im Gegensatz zu den natürlich gebildeten Mineralstoffen und Vitaminen kritisch zu bewerten. Die biologische Fertignahrung vermeidet zumindest gentechnisch veränderte Zutaten und basiert auf Milch in biologischer oder sogar biologisch-dynamischer Qualität. Säuglingsanfangsnahrung (Pre-Nahrung) bei nicht gestillten Kindern kann von der Geburt bis zur Umstellung auf Breimahlzeiten gefüttert werden.

Für Kinder von Eltern mit einer allergischen Veranlagung werden oft HA-Nahrungen (hypoallergene Nahrungen) empfohlen. Diese HA-Nahrungen weisen jedoch einen intensiven Eingriff in die Eiweißstruktur der Milch auf, was Lebenskräfte, Geschmack und Natürlichkeit stark beeinflusst. Wir empfehlen deshalb biologische Pre-Nahrung. Von sojahaltigen Säuglingsnahrungen wird inzwischen wegen des Gehalts an Phytoöstrogenen (pflanzlichen Hormonen) abgeraten.

Was tun nach der Stillzeit? Die Breizeit

Ab wann ein Säugling zusätzlich Beikost benötigt, ergibt sich individuell in Abhängigkeit vom Gedeihen und der Essfähigkeit des Kindes. Beikost sollte nicht vor dem Beginn des fünften und nicht später als nach dem siebten Lebensmonat gegeben werden. Beikosteinführung bedeutet nicht Abstillen, sondern eine langsame Verminderung der Muttermilchmengen und Stillmahlzeiten.
Das kleine Kind braucht jetzt leicht verträgliche Kost wie Gemüse, Obst und Getreide. Obst und Gemüse sollten biologische oder Demeter-Qualität haben sowie geschmackvoll, farbig und nährwertreich ausgereift sein. Der Eisenbedarf lässt sich durch eine Kombination von Vollkornzubereitungen, Gemüse und Obst in der Regel vegetarisch gut decken. Fleisch ist im ersten Lebensjahr (und auch danach) nicht erforderlich und kann zu einer ungünstig hohen Eiweißaufnahme führen.
Alle fertigen Brei-Gläschen (auch Bio und Demeter) sind sterilisiert, auf gesundheitsschädliche Rückstände kontrolliert und gegebenenfalls mit Nährstoffen ergänzt, aber natürlich nicht frisch. (Oft sind die Gläschen älter als das Kind …) Wer den Brei selbst zubereitet, kann sich die Qualität aussuchen, die Zutaten variieren und regionale, saisonale und schmackhafte Produkte verwenden. Dabei ist einfache Kost  zu empfehlen.
Das Essen selbst frisch zuzubereiten, verbindet auf eine intensivere Art mit dem Kind, als wenn nur ein Gläschen erwärmt wird. So schmeckt der Brei jedes Mal etwas anders, was für die Geschmacksentwicklung förderlich ist. Besonders wertvolle Gemüsearten sind Möhren (vor allem samenfeste Sorten), Pastinaken, Blumenkohl, Kohlrabi, Kürbis oder Brokkoli. Als Getreide eignen sich die eisenreiche und glutenfreie Hirse sowie Dinkel- und Haferflocken. Es empfiehlt sich, immer etwas geschmacksneutrales Bio-Öl dazu zu mischen. Als Obst sind Äpfel und Birnen ausreichend, Bananen hingegen wegen des hohen natürlichen Zuckergehalts (17 %) nur ausnahmsweise (z.B. für kranke Kinder) zu verwenden. Saisonal können Beeren und Steinobst dazugegeben werden. Ihr Kind sollte keinen Zucker zum Süßen von Speisen und Getränken bekommen.
Für den Milchbrei ist eine Frischzubereitung ebenfalls empfehlenswert. Dabei weist die Milch große Qualitätsunterschiede je nach Tierhaltung, Futterart sowie Verarbeitung auf. Kühe, die auf die Weide gehen, haben wertvollere Fettsäuren in der Milch als solche im Stall, die eiweißreiches Kraftfutter erhalten. Bei der Wärmebehandlung ist die übliche Pasteurisierung (oft als „traditionelle Herstellung“ bezeichnet) das schonendste Hitzeverfahren. Solche Milch ist einer „länger frischen“, hocherhitzten oder (ultrahocherhitzten) H-Milch vorzuziehen. Demeter-Milch ist pasteurisiert, aber nicht homogenisiert und deshalb zu empfehlen. Wird das Milchfett nicht homogenisiert, erfolgt die Eiweißverdauung langsamer und gründlicher, was die Verträglichkeit von Kuhmilch verbessert und Kuhmilchallergien vorbeugt. Da der Säugling noch viel Fett braucht (im 2. Lebenshalbjahr über 40 % seiner Gesamtenergie), sollte immer Milch mit natürlichem Fettgehalt verwendet werden (3,5 %). Kuhmilch wird anfangs wegen des höheren Eiweißgehalts mit Wasser verdünnt in den Brei gegeben. Zur Zubereitung von Milch-Getreide-Brei eignen sich zum Beispiel Dinkelgrieß, Hafer- oder Hirseflocken.

Gegen Ende des ersten Lebensjahres braucht das Kind pro Tag im Allgemeinen 4–5 Mahlzeiten: ein- bis zweimal Gemüsebrei (später Gemüse-Getreide-Brei), einen Obst-Getreide-Brei und zwei bis drei Stillmahlzeiten oder zwei Milchmahlzeiten als Milch-Getreide-Brei (siehe Literatur am Ende des Merkblatts).
Das Kind kann nun auch lernen, zusätzlich Wasser aus einem Becher oder Glas zu trinken. Von einer Trinkflasche wird abgeraten. Ab einem Jahr kann das Kind in der Regel Familienkost erhalten.

Wie wird die Essenssituation gestaltet?
Auf dem Weg zur Entwicklung einer gesunden Selbstregulation hilft es dem Kind, wenn ihm zu regelmäßigen Zeiten Essen angeboten, es aber nicht zum Essen gedrängt wird. Bleibt das Kind frei, lernt es die Essensmenge bald selbst zu bestimmen. Es muss nicht aufessen. Es sollte auch nicht abgelenkt und nebenher gefüttert werden. Hat das Kind genug, wird dies respektiert und die Mahlzeit beendet. Die Freude am Essen wird gefördert, wenn dem Kind je nach seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten auch der Raum gegeben wird, sich am Essen selbständig zu beteiligen. Tischsprüche, Lieder oder Gebete (Rituale) fördern die Achtsamkeit beim Essen. Sie geben Orientierung und einen klaren Rahmen. Gleichzeitig fördern sie die Empfindung von Dankbarkeit (hier dem Essen gegenüber), was im späteren Leben zu größerer Achtsamkeit auch im Umgang mit der Umwelt und den Mitmenschen führt.

Auf welche Qualität ist zu achten?

Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Nahrungsmittel von biologischer, möglichst biologisch-dynamischer Qualität sind. Biologischer (oder ökologischer) Anbau verzichtet auf Stickstoffdünger, Pestizide und Gentechnik. Die Nahrungsmittel zeichnen sich nicht nur durch geringe Schadstoffbelastungen, sondern auch durch ein hohes Maß an vitalitätsfördernden und sorgfältig verarbeiteten Inhaltsstoffen aus. Biologisch-dynamischer Anbau geht zurück auf Anregungen Rudolf Steiners für eine Qualitätsverbesserung der Lebensmittel durch Anwendung von potenzierten Heilkräuterpräparaten, Aussaat und Ernte nach kosmischen Bezügen, artgerechte Tierhaltung und vielfältige Hofgestaltung. Der biologische Anbau und insbesondere Demeter haben sich einem achtsamen und pflegenden Umgang mit den Ressourcen der Natur verschrieben, dem Lebensraum für unsere Kinder. Nahrungsergänzungsmittel sind bei frischer Demeter- oder Bio-Qualität nicht nötig, da durch die Verarbeitung Wertvolles erhalten bleibt und weniger verloren geht. Insgesamt weisen solche Lebensmittel eine ganzheitliche Qualität auf, die mehr ist als die Summe der analysierbaren Inhaltsstoffe.

Verantwortliche Autoren

Nicola Fels, Kinder- und Jugendärztin, Krefeld
Dr. med. Markus Krüger, Leitender Kinder- und Jugendarzt, Filderklinik. Filderstadt
Dr. Petra Kühne, Ernährungswissenschaftlerin, Bad Vilbel
Prof. Dr. med. Alfred Längler, Leitender Kinder- und Jugendarzt, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Dr. med. Christoph Meinecke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Dr. med. Uwe Momsen, Kinder- und Jugendarzt, Herdecke
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München
Michaela Strümper-Brix, Kinderkrankenschwester, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Herdecke

Literatur

  • Wolfgang Goebel, Michaela Glöckler: Kindersprechstunde. Ein pädagogisch-medizinischer Ratgeber. 20. Aufl. Stuttgart 2015
  • Jan Vagedes, Georg Soldner: Das Kinder-Gesundheitsbuch. Kinderkrankheiten ganzheitlich vorbeugen und heilen. 6. Aufl. München 2016
  • Petra Kühne: Säuglingsernährung. Stillen und vegetarische Beikost. 11. Aufl. Bad Vilbel 2016
  • Maria Vincze: Schritte zum selbstständigen Essen. 2. Aufl. Pikler Gesellschaft Berlin 2005

Herausgeber

GAÄD | Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V.
Herzog-Heinrich-Straße 18
80336 München

Tel. (089) 716 77 76-0, Fax -49

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4. Auflage | Stand Februar 2017

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