Merkblatt Plazenta. Was tun mit der Nachgeburt?

Die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib ist untrennbar mit der Entwicklung der Plazenta (Mutterkuchen) und der Eihäute (Fruchtblase etc.) verbunden. Während der Embryonalzeit bilden diese Hüllen eine kleine Welt für sich. Sie ermöglichen, dass sich das Kind im Fruchtwasser, schwebend – wie in einem eigenen Kosmos – und frei von den Kräften der Erde, z.B. der Schwerkraft entwickeln kann.

Mit diesem Informationsblatt möchten wir Ihnen das Besondere dieser Organe näherbringen und Sie zu einem achtsamen Umgang mit der Nachgeburt (Plazenta und Eihäute) Ihres Kindes ermutigen.

 

Sowohl der sich entwickelnde Embryo als auch die Plazenta und die Eihäute stammen aus der von der Samenzelle befruchteten Eizelle. In den ersten drei Wochen bildet sich hieraus nicht gleich der Embryo, sondern zunächst schrittweise ein gegliedertes embryonales Hüllen- und Höhlensystem, das die angemessene Entwicklungsumgebung für das Kind schafft. Mitten darin entwickelt sich in der vierten Woche aus einem zentralen Anteil der eigentliche Embryo und bildet bald seine geschlossene Körperform. Aus den ursprünglichen Embryonalhüllen entstehen Plazenta, Nabelschnur und Eihäute.

Beim Mutterkuchen handelt es sich nicht um ein Organ der Mutter, wie die Bezeichnung vermuten ließe. Plazenta und Eihäute sind zu 98 Prozent kindliches Gewebe und kindlichen Ursprungs. Beide, Plazenta und Embryo, entwickeln sich auf der genetischen Grundlage beider Eltern. Doch während sich in dem Kind ganz vielfältige Strukturen, verschiedene Gewebe und Organe und insbesondere Innenräume herausdifferenzieren, entwickelt sich die Plazenta außerhalb des kindlichen Leibes zu einem einheitlichen Organ, das auf seine Umgebung hin orientiert ist. Als gewissermaßen universelles Organ übernimmt die Plazenta vielfältige Funktionen: die der Lunge, der Nieren, der Leber, der Hormondrüsen, der Wärmebildung und des Verdauungssystems des Kindes – Funktionen also, die später die inneren Organe des Kindes erfüllen. Gleichzeitig stellt sich die Plazenta in dieser Aufgabe vermittelnd – sowohl verbindend als auch abgrenzend – zwischen den mütterlichen und den kindlichen Organismus. Damit leistet sie einen ganz entscheidenden Beitrag zum Gelingen des  Werdens und Wachsens des Kindes.

In der Anthroposophischen Medizin werden die umgebenden Embryonalhüllen und die Plazenta als ein physisches Korrelat des geistigen Wesens des Kindes aufgefasst, das in der Embryonalzeit den Aufbau seines individuellen menschlichen Organismus für das irdische Leben ermöglicht und ihn in der gesamten Schwangerschaft trägt.

Die Plazenta besteht also auch genetisch aus kindlichen Gewebe wie der Leib des Kindes. Sie ist als ein dem noch ungeborenen Kind zugehöriges, wenn auch außerhalb dessen gelegenes Organ zu verstehen.

Die vorgeburtlich existenzielle Kommunikation zwischen Kind und Plazenta sichert gleichsam den bedeutsamen Übergang des Kindes in das Leben außerhalb der Gebärmutter. Sichtbares Zeichen dafür ist das Andauern der Nabelschnurpulsation über den Zeitpunkt der Geburt hinaus. Das während Schwangerschaft und Geburt notwendigerweise über Kind und Plazenta verteilte Blutvolumen des Kindes wird über die Nabelschnur nach der Geburt dem Kind zugeführt. Dies unterstützt die Umstellung von plazentarer Atmung auf die eigenständige Lungenatmung, führt dem Kind Sauerstoff, Nährstoffe und die im Nabelschnurblut enthaltenen Stammzellen zu. Ein achtsamer Umgang mit dem Zeitpunkt des Abnabelns (Abnabeln nach Auspulsieren der Nabelschnur oder nach Geburt der Plazenta) ermöglicht, dass dem Neugeborenen das gesamte Potenzial der Plazenta für seinen Lebensanfang zur Verfügung steht.

Mit der Geburt des Menschen vollendet die Plazenta ihre Aufgabe: Das Urorgan des Kindes stirbt und wird als Nachgeburt geboren.

Was passiert nun mit der Nachgeburt? Wird sie entsorgt, beerdigt oder für andere Zwecke genutzt? In vielen Kulturen zeugen verschiedenste Bräuche – meist in Form einer rituellen Beisetzung der Nachgeburt – davon, dass den vorgeburtlichen Hüllen des Kindes Ehrfurcht und Respekt entgegengebracht werden. Die höhere Einheit von Kind und Plazenta im vorgeburtlichen Leben legt auch heute einen achtsamen Umgang mit diesem Organ nach der Geburt nahe.

 

Plazenta-Entsorgung

Noch bis vor 20 Jahren wurden die Plazenten üblicherweise der Kosmetikindustrie übergeben, die deren Hormone verwendete. Davon hat man inzwischen allgemein Abstand genommen. Heute werden die Nachgeburten meist in der Krankenhausverbrennungsanlage entsorgt.

 

Plazenta-Beerdigung

Manche Eltern nehmen die Nachgeburt mit und beerdigen diese im Wald, andere in ihrem Garten, wobei sie dann z. B. einen Baum oder einen Rosenbusch darauf pflanzen. Dieser Brauch entspricht dem oben  beschriebenen Verständnis der Plazenta und der Nachgeburt.

 

Plazenta als potenziertes Medikament

Es gibt Firmen und Apotheken, die aus einem kleinen Stück der Plazenta potenzierte Arzneimittel herstellen. Potenzierte Plazenta ist für die Behandlung verschiedener körperlicher und seelischer Probleme desselben Kindes im weiteren Verlauf seines Lebens, aber auch der Mutter gedacht.

 

Nabelschnurblut als Stammzellenrücklage

Im Blut des ungeborenen bzw. gerade geborenen Kindes, also auch im Nabelschnurblut, befinden sich sogenannte Stammzellen, eine Art noch nicht differenzierte Urzellen, aus denen sich unterschiedlichste Gewebearten und Blutzellen entwickeln können. Bei seltenen schweren Krankheiten kann der therapeutische Nutzen dieser Zellen manchmal lebensrettend sein. Aus diesem Grund wird seit ca. 25 Jahren dafür geworben, direkt nach der Geburt Nabelschnurblut zu entnehmen und dieses tiefgekühlt zu lagern. Diese Blutreserven können an eine Blutbank gespendet oder gegen Bezahlung bei kommerziellen Anbietern
gelagert werden zur späteren therapeutischen Verwendung beim eigenen Kind.

Heute wird dieses Vorgehen kontrovers diskutiert, da es sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Nachteilig an der Nabelschnurblutentnahme ist, dass das Kind dafür relativ rasch nach der Geburt abgenabelt werden muss. Überdies ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind seine eigenen Stammzellen zur Behandlung einer schweren Bluterkrankung nutzen könnte, nur sehr gering. Es ist zwar denkbar, dass das eigene Kind von dem eingelagerten Blut profitieren kann, es gibt aber meist auch alternative Therapien, d. h. das eigene Nabelschnurblut ist selten unersetzlich. Viel größer ist hingegen die Chance, dass ein anderes Kind von diesen Stammzellen profitiert, wenn das Nabelschnurblut einer nichtkommerziellen Blutbank zur Verfügung gestellt wird.

Im Moment ist die Stammzellforschung noch relativ jung, die zukünftige therapeutische Nutzung von Stammzellen (z. B. für » Gewebe-Züchtung « als Organersatz) noch nicht absehbar, zumal hierzu ggf. auch » erwachsene « Stammzellen aus dem Blut oder Knochenmark infrage kommen.

Zum jetzigen Zeitpunkt gilt, dass werdende Eltern sich keine Vorwürfe zu machen brauchen, wenn sie Nabelschnurblut nicht einlagern lassen.

Wir hoffen, Ihnen mit diesem Merkblatt Anregungen gegeben zu haben für den Umgang mit der Nachgeburt Ihres neugeborenen Kindes.


6. Aufl., Mai 2020

Dieses Merkblatt können Sie gegen eine geringe Schutzgebühr bei der GAÄD-Geschäftsstelle bestellen. Download Bestellformular »

 

Autoren

Sabine Braun, Hebamme, Filderklinik, Filderstadt
Carmen Eppel, Frauenärztin, Heidenheim
Dr. med. Angela Kuck, Frauenärztin, Richterswil, Schweiz
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Schad, Witten
Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen
Dr. med. Hendrik Vögler †, Allgemeinarzt, Dortmund

 

Literaturempfehlungen

Schad W (Hg). Die verlorene Hälfte des Menschen. Die Plazenta vor und nach der Geburt. 3. Aufl. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben; 2016.

 

Herausgeber

Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V. (GAÄD)
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