Merkblatt Plazenta

Was tun mit der Nachgeburt?

Stand: Juni 2016

Die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib ist untrennbar mit der Entwicklung der Plazenta (Mutterkuchen) und der Eihäute (Fruchtblase, etc.) verbunden. Während der Embryonalzeit bilden diese Hüllen eine kleine Welt für sich. Sie ermöglichen, dass sich das Kind im Fruchtwasser, schwebend – wie in einem eigenen Kosmos – und frei von den Kräften der Erde, z.B. der Schwerkraft, entwickeln kann.

Mit dieser Informationsschrift möchten wir Ihnen das Besondere dieser Organe näher bringen und Sie zu einem achtsamen Umgang mit der Nachgeburt (Plazenta und Eihäute) Ihres Kindes ermutigen.

Sowohl der sich entwickelnde Embryo als auch die Plazenta und die Eihäute stammen aus der Befruchtung von Eizelle und Samenzelle. Es bildet sich daraus in den ersten drei Wochen nicht gleich der Embryo, sondern zunächst schrittweise ein gegliedertes embryonales Hüllen- und Höhlensystem, das die angemessene Entwicklungsumgebung für das Kind schafft. Mitten darin entwickelt sich dann in der vierten Woche aus einem zentralen Anteil der eigentliche Embryo und bildet bald seine geschlossene Körperform. Aus den Embryonalhüllen entstehen Plazenta, Nabelschnur und Eihäute.

Der Name Mutterkuchen kann missverstanden werden in dem Sinne, dass es sich dabei um ein Organ der Mutter handele. Plazenta und Eihäute sind jedoch zu 98 Prozent kindliches Gewebe und kindlichen Ursprungs. Beide, Plazenta und Embryo, entwickeln sich auf der genetischen Grundlage beider Eltern. Doch während sich in dem Kind ganz vielfältige Strukturen, verschiedene Gewebe und Organe und insbesondere Innenräume herausdifferenzieren, entwickelt sich außerhalb des kindlichen Leibes die Plazenta zu einem einheitlichen Organ, das auf seine Umgebung hin orientiert ist. Als universelles Organ übernimmt die Plazenta vielfältige Funktionen: die der Lunge, der Nieren, der Leber, der Hormondrüsen, der Wärmebildung und des Verdauungssystems des Kindes – Funktionen also, die später die „inneren“ Organe des Kindes übernehmen. Gleichzeitig stellt sich die Plazenta in dieser Aufgabe vermittelnd – sowohl verbindend als auch abgrenzend – zwischen den mütterlichen und den kindlichen Organismus. Damit leistet sie einen ganz entscheidenden Beitrag zum Gelingen des Werdens und Wachsens des Kindes.

In der Anthroposophischen Medizin werden die umgebenden Embryonalhüllen und die Plazenta als ein physisches Korrelat des geistigen Wesens des Kindes aufgefasst, das in der Embryonalzeit den Aufbau seines individuellen menschlichen Organismus für ein irdisches Leben ermöglicht.

Die Plazenta besteht also auch genetisch aus eben solchem kindlichen Gewebe wie der Leib des Kindes. Sie ist daher als ein dem noch ungeborenen Kind zugehöriges, wenn auch außerhalb dessen gelegenes Organ zu verstehen. Mit der Geburt des Menschen vollendet die Plazenta ihre Aufgabe. Sie wird in aller Regel kurze Zeit nach dem Kind geboren und von dem Kind getrennt. Mit der Geburt ist also auch ein Trennungs-, ein Sterbeprozess verbunden: Das vorgeburtliche Ur-Organ des Kindes stirbt und wird als Nachgeburt geboren.

Was passiert nun mit der Nachgeburt? Wird sie entsorgt, beerdigt oder für andere Zwecke genutzt? In vielen Kulturen zeugen verschiedenste Bräuche – meist in Form einer rituellen Beisetzung der Nachgeburt – davon, dass den vorgeburtlichen Hüllen des Kindes Ehrfurcht und Respekt entgegengebracht werden. Vor dem Hintergrund der höheren Einheit von Kind und Plazenta im vorgeburtlichen Leben ergibt sich auch heute die Frage nach einem achtsamen Umgang mit diesem Organ nach der Geburt.

Plazenta Entsorgung

Üblicherweise wurden noch bis vor 20 Jahren die Plazenten der Kosmetikindustrie übergeben, die deren Hormone verwendete. Davon hat man inzwischen allgemein Abstand genommen. Heute werden die Nachgeburten meist in der Krankenhausverbrennungsanlage entsorgt.

Plazenta Beerdigung

Manche Eltern nehmen die Nachgeburt mit und beerdigen diese im Wald, andere in ihrem Garten, wobei sie dann z.B. einen Baum oder einen Rosenbusch darauf pflanzen. Dieser Brauch entspricht dem oben beschriebenen Verständnis der Plazenta und der Nachgeburt.

Plazenta als potenziertes Medikament

Es gibt Firmen und Apotheken, die aus einem kleinen Stück der Plazenta potenzierte Arzneimittel herstellen. Potenzierte Plazenta ist für die Behandlung verschiedener körperlicher und seelischer Probleme desselben Kindes im weiteren Verlauf seines Lebens, aber auch der Mutter gedacht. Aus ganzheitlicher Sicht stellt sich uns allerdings die kritische Frage, ob es wirklich sinnvoll und angebracht ist, aus diesem besonderen, bereits abgestorbenen Organ ein Heilmittel herzustellen.

Plazentophagie

Plazentophagie bezeichnet den Verzehr der frisch geborenen oder zubereiteten Nachgeburt. Es gibt zunehmend Menschen, die diese in der Tierwelt verbreitete Gewohnheit befürworten. Ihr werden positive Auswirkungen auf die Rückbildung der Gebärmutter sowie die Vermeidung einer Wochenbettdepression nachgesagt, was bisher jedoch nicht belegt ist. Ehrfurcht vor dem gerade gestorbenen Ur-Organ des neugeborenen Kindes sieht in einer menschlichen Kultur nach unserer Einschätzung jedoch anders aus als der Umgang mit der Nachgeburt in der Tierwelt.

Nabelschnurblut als Stammzellenrücklage

Nabelschnurblut, das heute tiefgefroren aufbewahrt werden kann, ist eine Quelle für die Gewinnung von Stammzellen. Im Rahmen einer Behandlung mancher Blutkrebserkrankungen kann eine Stammzelltransplantation notwendig sein, um die Blutbildung wieder zu ermöglichen. Hierzu eignen sich Stammzellen aus dem Blut oder Knochenmark Erwachsener, aber auch Stammzellen aus Nabelschnurblut. Nabelschnurblut kann an nicht-kommerzielle Blutbanken gespendet werden. Dann steht es jedem, dessen Eigenschaften dazu passen, zur Verfügung.

Verschiedene private Firmen bieten dieses teure Verfahren kommerziell an. Die Nabelschnur-Stammzellen sind dann nur für das eigene Kind und ggf. für Geschwister zu verwenden.

Wenn Sie die Entnahme des Nabelschnurblutes wünschen, bedarf es in jedem Fall der Vorbereitung und Organisation vor der Geburt, und es ist notwendig, die Nabelschnur direkt nach der Geburt zu durchtrennen. Zu bedenken ist dabei, dass die Stammzellen in den ersten Minuten nach der Geburt aktiv von der Plazenta zum Kind wandern. Im Falle einer frühen Abnabelung für die Nabelschnurblutspende fehlen diese dem Kind.

Die vorbeugende Lagerung zum Zwecke der privaten Nutzung ist derzeit medizinisch nicht sinnvoll, ggf. mit Ausnahme von Familien mit besonderer Krankheitsbelastung durch Blutkrebs, z.B. bei bereits erkrankten Geschwistern.

Wir hoffen, Ihnen mit diesem Merkblatt Anregungen gegeben zu haben für den Umgang mit der Nachgeburt Ihres neugeborenen Kindes.

Verantwortliche Autoren

Sabine Braun, Hebamme, Filderklinik, Filderstadt
Dr. med. Angela Kuck, Frauenärztin, Richterswil, CH
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Schad, Witten
Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen
Dr. med. Hendrik Vögler, Allgemeinarzt, Dortmund


Literatur

W. Schad (Hrsg.): Die verlorene Hälfte des Menschen. Die Plazenta vor und nach der Geburt. Stuttgart 2008.


Herausgeber

GAÄD | Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V.
Herzog-Heinrich-Straße 18
80336 München

Tel. (089) 716 77 76-0, Fax -49

www.gaed.de | infonoSpam@gaed.de

4. Auflage | Stand Juni 2016

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