Masern

Stand: Januar 2016

Das Krankheitsbild

Masern sind eine hochfieberhafte und sehr ansteckende Krankheit; früher waren sie eine selbstverständliche Kinderkrankheit. Auslöser ist ein Virus, das durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Etwa 10 Tage später kommt es erstmals zu Fieber, Schnupfen, Husten und Bindehautentzündung: Das Kind sieht „verrotzt, verheult und verschwollen“ aus. Teilweise finden sich in der Mundschleimhaut kleine, weiße Flecken. Nach etwa 2 Tagen – an denen das Fieber vorübergehend auch abgefallen sein kann – steigt das Fieber oft über 40 °C und es entwickelt sich ein kräftig roter, mittel- bis grobfleckiger, manchmal zusammenfließender Hautausschlag, der sich vom Hals nach unten bis zu den Gliedmaßen ausbreitet („herunterregnet“). Er blasst nach 3 bis 5 Tagen ab, das Fieber sinkt, und nach einer Woche ist das Kind nicht mehr ansteckend. Die Kinder wirken in dieser Zeit meist sehr krank, lichtempfindlich und weinerlich. Die Gesichtszüge erscheinen weicher, das ganze Gesicht wie „aufgequollen“. Typisch ist der bellend und hart klingende, oft quälende und hartnäckige Husten. Nach Abklingen des Fiebers benötigen die Kinder weiterhin Ruhe und eine ausreichende Erholungszeit, die mehrere Wochen dauern kann. Masern hinterlassen in der Regel eine lebenslange Immunität.

Das Kind braucht maximale Ruhe. Alle Wärmeprozesse – vor allem das Fieber – sollten nur gelenkt, aber nicht unterdrückt werden. Potenzierte anthroposophische und homöopathische Arzneimittel unterstützen wesentlich die Behandlung des an Masern erkrankten Kindes.

Masernerkrankte und -inkubierte sind vom Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen (Schulen, Kindergärten) ausgeschlossen, bis von ihnen nicht mehr die Gefahr einer Weiterverbreitung der Erkrankung ausgeht. Dieses Verbot wird durch die Gesundheitsbehörden überwacht.

Noch in den 1990er-Jahren waren Masern in Deutschland häufig. Ärzte waren es gewohnt, sie zu behandeln. Eltern waren mit der Krankheit vertraut. Seit der Intensivierung von Impfkampagnen und der Einführung der namentlichen Meldepflicht für Masern 2001 ist die Zahl der Masernerkrankungen zurückgegangen, sodass es inzwischen Kinderärzte gibt, die noch nie Masern gesehen haben. Es ist wichtig, typische Komplikationen der Erkrankung zu kennen und vom normalen Verlauf unterscheiden zu können.

Komplikationen

Ein schwerer Verlauf und Komplikationen sind eher zu erwarten bei intensiver Ansteckung (Geschwisterkinder, beengte Verhältnisse), Immunschwächen und atypischem Erkrankungsalter (Säuglinge und Kinder über 9 Jahren).

Die häufigsten Komplikationen sind die Mittelohrentzündung, die sich durch Ohrenschmerzen bemerkbar macht, und die Lungenentzündung, beide in ca. 2 % aller Fälle. Die Lungenentzündung ist daran zu erkennen, dass das Kind Atemnot entwickelt, die Atmung „anstößt“ und dabei Husten auslöst und der Allgemeinzustand des Kindes sich verschlechtert. Bei Masernkomplikationen muss immer der Arzt gerufen werden.

Masern-Enzephalitis

Seltener, aber besonders ernst zu nehmen, ist eine Masern-Gehirnentzündung, die Masern-Enzephalitis. Sie kommt bei ca. 0,1 % der Fälle vor (vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen, seltener bei Kindern). Sie kann ab dem 3. Tag nach Beginn des Ausschlags, selten auch verzögert noch nach Wochen auftreten. Bemerkbar wird die Enzephalitis durch Störungen des Bewusstseins, Wesensveränderungen, Kopfschmerzen, Krampfanfälle und Lähmungen. Bei Ableitung der Hirnstromkurven (EEG) findet der Arzt charakteristische Veränderungen. Bei einer schweren Masern-Enzephalitis heilt etwa die Hälfte der Fälle aus, ca. 15 % der Betroffenen sterben und 35 % erleiden anhaltende Schädigungen des Nervensystems. Insgesamt neigen Jugendliche und Erwachsene eher zu schweren Masernverläufen und Komplikationen.

Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE)

Bei Ansteckung vom 0. bis 2. Lebensjahr ist die Panenzephalitis (SSPE) gefürchtet, die Jahre nach Masern auftreten kann. Es kommt zu einem fortschreitenden Abbau vor dem unweigerlich langsam eintretenden Tod. Betroffen sind vor allem Säuglinge, die sich angesteckt haben, nachdem ihr Nestschutz aufgebraucht war und bevor sie selber geimpft werden konnten (Risiko etwa 1:1.000 im ersten Lebensjahr, später seltener – es existieren keine genauen Daten).

Masernschutz in Zeiten des nachlassenden Nestschutzes

Die Begegnung mit Wildmasern verstärkt den Schutz der natürlich und der durch Impfung immunisierten Personen. Mütter, die noch „Wildmasern“ durchgemacht haben, vermitteln einen erheblich stabileren Nestschutz als Mütter, die nur geimpft worden sind. Infolge der allgemeinen Masernimpfung wird der Masern-Nestschutz für Säuglinge aber immer unsicherer. Säuglinge ohne Nestschutz können an Masern erkranken, wenn sie z.B. von ihren älteren Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern oder infizierten Menschen angesteckt werden. Sie haben ein höheres Komplikationsrisiko. Familien mit mehreren Kindern, in denen die älteren Kinder nicht geimpft sind, müssen sich dieses Risikos bewusst sein und sich die Frage stellen, ob sie nicht zugunsten des Säuglings die älteren Kinder und gegebenenfalls die Eltern impfen lassen. Gleiches gilt innerhalb einer Kinderkrippe, in der Säuglinge betreut werden. Die beobachteten Fälle von SSPE sollten in jedem Fall Anlass sein, nicht geschützte Säuglinge streng von Masernkranken fern zu halten.

Die Masernimpfung

Die Masernimpfung ist eine Lebendimpfung mit abgeschwächten Erregern. Sie ist in allen europäischen Ländern als Masern-Mumps-Röteln-(Windpocken)-Kombinationsimpfung öffentlich empfohlen. Bis heute ist neben den Kombinationsimpfstoffen auch ein Einzelimpfstoff aus dem Ausland beziehbar. Eingeführt wurde die Masernimpfung in Deutschland 1973. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) lautet heute: Eine Impfung zwischen dem 11. und vollendeten 14. Lebensmonat und eine Zweitimpfung bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Nachholimpfungen sollten möglichst bis zum vollendeten 18. Lebensjahr erfolgen. Erwachsene, die nach 1970 geboren sind, Masern nicht hatten und nicht oder nur einmal geimpft sind, sollten ihren Schutz prüfen lassen (siehe unten) und gegebenenfalls eine Impfung als Masern- Mumps-Röteln-Impfung erhalten.

Die erste Impfung schützt in über 93 % der Fälle, mit der zweiten Impfung erreichen etwa 96 % der Geimpften einen Masernschutz. Der Schutz gegen Masern (humorale Immunität) kann vom Arzt durch den Nachweis von Antikörpern im Blut abgesichert werden (dies ist eine Privatleistung, die nicht von der gesetzlichen Krankenkasse getragen wird). Ist der Antikörpernachweis positiv, kann er vom Arzt in den Impfpass eingetragen werden und wird so weltweit als Nachweis ausreichender Masernimmunisierung akzeptiert. Auf eine zweite Impfung könnte dann unter Umständen verzichtet werden. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass zwei Impfungen einen etwas höheren Antikörperspiegel im Blut bewirken als nur eine Impfung.

Die Dauer des Impfschutzes ist möglicherweise lebenslang, kann aber mit der Zeit unsicher werden. Daher kann es sinnvoll sein, zum Beispiel vor einer möglichen Schwangerschaft oder vor Reisen in Entwicklungsländer die Immunität überprüfen zu lassen (siehe oben). Ist keine Immunität mehr nachweisbar, sollte das weitere Vorgehen mit dem Arzt besprochen werden. Im Falle einer dann sinnvollen Nachimpfung ist eine erneute Kontrolle des Impferfolgs zu empfehlen. Das gilt besonders für Frauen mit Kinderwunsch.

Nebenwirkungen der Masernimpfung

Die derzeit umfangreichste wissenschaftliche Übersichtsarbeit (Cochrane Review) kam 2012 zu der immer noch aktuellen Aussage, dass die vorhandenen Studien die Sicherheit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung bisher nur unzureichend klären.

Häufige Folgen der Masernimpfung als Lebendimpfung sind Fieber und Hautausschlag (sog. Impfmasern) bei 3 bis 5 % der Geimpften in der 2. Woche nach Impfung. Dies sind Zeichen einer gesunden Reaktion des Organismus auf die Lebendimpfung. Das Vermeiden außergewöhnlicher Belastungen des Organismus in den zwei Wochen nach der Impfung erscheint bei dieser Lebendimpfung sinnvoll, da die Geimpften mit dem Impfvirus „angesteckt“ wurden und diese Ansteckung aktiv überwinden müssen. Fieberkrämpfe treten bei 1 von 500 Geimpften auf (4 % aller 0,5- bis 5-jährigen Kinder neigen generell zu Fieberkrämpfen).

Masern und Globalisierung

Nach wie vor sind Masern ein gravierendes gesundheitliches Problem in wirtschaftlich schwachen Ländern: Weltweit starben 2012 etwa 122.000 Menschen an Masern, in der Mehrzahl Kinder. In Deutschland kann mit einer Masernsterblichkeit in der Größenordnung von 1:2.000 Masern-Erkrankten gerechnet werden (SSPE nicht einberechnet). Ein höheres Risiko tragen Säuglinge, Erwachsene und Patienten mit Immundefekten. Der Schutz dieser Risikogruppen ist ein wesentliches Motiv der Ärzte, die aus moralischen Gründen für die Impfung eintreten.

Eine Ausrottung der Masern wie beim Pockenvirus ist vermutlich in absehbarer Zeit nicht möglich. In der von der WHO definierten Region Europa (EU und Nachbarländer wie Türkei, Georgien, Ukraine) erkranken jährlich mehr als zehntausend Menschen an Masern. Ob Europa das Ziel einer Masern-Elimination (dies entspräche weniger als einem Erkrankten auf 1 Mio. Einwohner) bis 2020 erreichen kann, ist fraglich. Darüber hinaus bestehen große und möglicherweise unüberwindbare Schwierigkeiten, Masern in sehr armen Ländern zu eliminieren, aus denen immer mehr Menschen zu uns kommen. Die zunehmende Mobilität sowie internationale Kontakte verstärken zudem das Risiko einer Masernübertragung für die Bevölkerung der Industrienationen. Es erkranken nun verstärkt Bevölkerungsgruppen mit ungünstigerem Krankheitsverlauf wie Säuglinge oder Erwachsene. Im Jahre 2015 wurde ein Höchststand an Erkrankungen bei Säuglingen seit 2001 registriert. Dies kann auf den Rückgang des vermittelten Nestschutzes zurück - geführt werden, in einer Population, in der die Eltern nicht mehr den Masern ausgesetzt waren.

Welchen Sinn kann es haben, dass ein Kinde Masern bekommt?

Die Frage nach dem möglichen Sinn einer Krankheit wird nur selten gestellt. Aufmerksame Eltern erleben gerade bei den Masern oft eine tiefgreifende Reifung ihres Kindes. In einer Praxisstudie wurde bei 886 Kindern der Verlauf von Masern mit einem Fragebogen dokumentiert. Rund zwei Drittel der Kinder wirkten in der 4. Krankheitswoche, als wären sie nie krank gewesen. 40 % der Kinder waren danach seltener krank als zuvor. 60 % hatten nach Angaben der Eltern einen erfreulichen Fortschritt in der Entwicklung gemacht.

Durch das Fieber überwindet das Kind nicht nur die Maserninfektion, sondern individualisiert dabei seinen Organismus. Die Regulation des Immunsystems kann dabei ausreifen, die jeder Mensch individuell erlernen und erwerben muss. Es gibt inzwischen zahlreiche Hinweise darauf, dass hochfieberhafte Erkrankungen im frühen Kindesalter, zu denen auch die Masern zählen, sich auf die Reifung des Immunsystems günstig auswirken können. Mit der Abheilung des Ausschlags, der Bindehaut- und Atemwegsentzündung bildet das Kind neue, stabilere Leibesgrenzen aus.

Allergien entstehen, wenn der kindliche Lernprozess des Immunsystems ungenügend erfolgt oder gestört wird. Sie verlaufen typischerweise ohne Fieber und gehen mit chronisch entzündlichen Hautausschlägen oder Entzündungen der Schleimhäute einher. Allergien werden dort häufiger, wo akut entzündliche Erkrankungen stärker unterdrückt und zurückgedrängt werden. Empirische Studien zeigen, dass das Durchmachen von Masern eine Schutzwirkung im Hinblick auf das Auftreten einer Allergie haben kann.

Masern heute? Notwendige Abwägungen und die Verantwortung des Einzelnen

Heute sind in Deutschland mehr als 90 % aller Kinder gegen Masern geimpft. Eltern, die sich gegen eine Masernimpfung zum empfohlenen Zeitpunkt entscheiden, treffen diese Entscheidung nicht nur für ihr eigenes Kind: Denn sie haben im Falle der Erkrankung auch eine Verantwortung dafür, dass ihr Kind nicht unbeabsichtigt zur Infektionsquelle für ungeschützte Andere, insbesondere für Säuglinge wird. Dies ist allerdings im Einzelfall schwer sicherzustellen. Im vollen Wartezimmer von Ärzten können Masern ausgebreitet werden, da diese am Beginn der Erkrankung zwar schon ansteckend sind, man sie aber noch nicht erkennt. Auch die Situation der Geschwisterkinder (s.o.) sollte gut bedacht sein. Eine Entscheidung gegen die Impfung muss mit der Bereitschaft und der Möglichkeit einhergehen, ein an Masern erkranktes Kind über Wochen persönlich zu pflegen und zu begleiten, auch wenn es länger den Kindergarten oder die Schule nicht besuchen darf. Eine erfahrene und inhaltlich offene ärztliche Begleitung muss gewährleistet sein.

Sollte es bis zum Erreichen des Schulalters, spätestens aber ab dem Einsetzen der Pubertät nicht zu einer Masernerkrankung gekommen sein, so muss die Impfentscheidung neu überdacht werden. Bei unklarer Situation sollten Erwachsene, die nach 1970 geboren wurden, untersuchen lassen, ob sie gegen Masern geschützt sind.

Die wichtigsten Punkte als Grundlage einer Entscheidung

  1. Falls ein Kind nicht bereits nach Empfehlung der STIKO im zweiten Lebensjahr gegen Masern geimpft wird, muss in jedem neuen Lebensabschnitt des Kindes über die Impfung nachgedacht werden.
  2. Eltern, die einen möglichen Sinn darin sehen, dass ihr Kind die Masern durchmacht, sollten bestimmte Möglichkeiten sicherstellen: das Kind in der Krankheit zu begleiten und zu pflegen, die Umgebung vor Ansteckung zu schützen und einen längeren Schulausschluss in Kauf nehmen.
  3. Die möglichen altersspezifischen Risiken sind abzuwägen.
  4. Wenn ein Kind keine Masern bekommt, kann seine Entwicklung durch eine geeignete Pädagogik und das Durchmachen anderer fieberhafter Erkrankungen unterstützt werden.
  5. Frauen sollten nicht ohne Masernimmunität schwanger werden und sich gegebenenfalls bei Kinderwunsch impfen lassen.

Verantwortliche Autoren

Dr. med. Markus Krüger, Kinder- und Jugendarzt, Stuttgart-Filderstadt
Dr. med. Karl-Reinhard Kummer, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Prof. Dr. med. Alfred Längler, Kinder- und Jugendarzt, Herdecke
Dr. med. René Madeleyn, Kinder- und Jugendarzt, Stuttgart-Filderstadt
Dr. med. Christoph Meinecke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München
Dr. med. Bernhard Wingeier, Kinder- und Jugendarzt, Arlesheim, Schweiz


Herausgeber

GAÄD | Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V.
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80336 München

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6. Auflage | Stand Januar 2016

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