Merkblatt-HPV-Impfung

6. Auflage | Stand Januar 2019

Seit Ende 2006 steht die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) zur Verfügung, die vor einer Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs schützen soll. In den Medien wurde schon viel über die HPV-Infektion und die HPV-Impfung berichtet. Für eine abgewogene Entscheidung, ob eine Impfung für Sie oder Ihre Tochter / Ihren Sohn sinnvoll ist, kann es darüber hinaus hilfreich sein, einige weniger bekannte und auch kritische Aspekte zu berücksichtigen. Dieses Merkblatt möchte Sie dabei unterstützen.

 

Was sind humane Papillomaviren?

Die humanen Papillomaviren (HPV) bilden eine große Gruppe von weit über 200 verschiedenen Virustypen. Die meisten HPV-Typen sind ungefährlich. Sie können Erkrankungen an Haut oder Schleimhaut verursachen, etwa harmlose Warzen an Händen oder Füßen, die in ca. 80 Prozent der Fälle innerhalb von zwei Jahren wieder verschwinden. Wiederum andere Virusstämme können auch die verbreiteten Feigwarzen im Genitalbereich hervorrufen. Diese lassen sich, falls sie nicht spontan abheilen, mit Salben, Laser, Kältetherapie oder chirurgischen Maßnahmen behandeln. Eine gezielte antivirale Behandlung gibt es nicht.

Die Übertragung der HP-Viren im Genitalbereich geschieht fast ausschließlich über sexuelle Kontakte. Der größte Teil der Bevölkerung wird im Laufe des Lebens mindestens einmal von HP-Viren besiedelt, sodass die HPV-Infektion als die am weitesten verbreitete sexuell übertragbare Infektion gilt.

Bestimmte Faktoren wie ein spätes Erkrankungsalter, Rauchen, langjährige Einnahme der Pille, allgemeine Abwehrschwäche oder vaginale Infekte bei häufig wechselnden Sexualpartnern erschweren es dem Immunsystem, die HPV-Infektion zu überwinden.

 

Dysplasien und Gebärmutterhalskrebs

Eine Untergruppe von sicher 12 und wahrscheinlich mehr als 20 HP-Virustypen kann fortschreitende Zellveränderungen (Dysplasien) am Muttermund verursachen. Diese HPV werden als Hochrisikoviren bezeichnet. 60 Prozent der durch sie entstandenen Dysplasien heilen auch ohne Therapie im Laufe von ein bis zwei Jahren wieder ab, bei unter 35-Jährigen sogar in 85 Prozent der Fälle (je nach Schweregrad der Dysplasie). Viele Befunde ändern sich auch über viele Jahre nicht. Bei einigen der betroffenen Frauen können jedoch aus den Zellveränderungen im Laufe von Jahren Krebsvorstufen entstehen.

Weniger als 1 von 100 Frauen, die mit einem Hochrisikotyp infiziert sind, erkrankt im Durchschnitt etwa 15 Jahre nach der Infektion an Gebärmutterhalskrebs. Geht man regelmäßig zur „Krebsvorsorge“, sinkt das Risiko weiter.

Da bei über 90 Prozent der Frauen mit Gebärmutterhalskrebs eine Hochrisiko-HPV-Infektion vorliegt, ist ein ursächlicher Zusammenhang naheliegend. Andere, sehr seltene Spätkomplikationen einer HPV-Infektion sind Vulvakrebs, Peniskrebs, Analkrebs und einige seltene Krebsarten im Mund- und Rachenraum.

 

Gebärmutterhalskrebs: Früherkennung

Es gibt kaum eine Krebsart, die in der Früherkennung so gut diagnostiziert werden kann wie der Gebärmutterhalskrebs. Seit der Einführung der gynäkologischen Krebsfrüherkennung in Deutschland konnte die Häufigkeit der Erkrankung um über 75 Prozent gesenkt werden – obwohl nur rund die Hälfte der Frauen regelmäßig zur Untersuchung geht.

Mit Abstrichen von Gebärmutterhals und Muttermund lassen sich Zellveränderungen und Vorstadien von Gebärmutterhalskrebs erkennen. Bestätigt sich der Befund bei Kontrolluntersuchungen, ist die Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) angezeigt.

Bei leichten bis mittelgradigen Zellveränderungen ist eine regelmäßige Abstrichkontrolle alle 3 bis 6 Monate notwendig, um ein Fortschreiten zur Krebserkrankung nicht zu übersehen. Derartige Befunde bleiben jedoch oft unverändert, in etwa 40 bis 50 Prozent der Fälle heilen sie spontan ab.

Bei hochgradigen Zellveränderungen oder bei Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium führt eine operative Entfernung (Konisation) des veränderten Gewebes in aller Regel zur Heilung. Es gibt Hinweise, dass schwangere Frauen nach einer Konisation ein gering erhöhtes Frühgeburtsrisiko haben. Nur bei einem fortgeschrittenen Gebärmutterhalskrebs sind die Entfernung der Gebärmutter und weitere onkologische Maßnahmen unumgänglich.

 

Was kann die HPV-Impfung? Was kann sie nicht?

Ab 2006 kamen erste Impfstoffe gegen HPV auf den Markt und wurden sehr bald auch für alle Mädchen empfohlen. Es gibt derzeit zwei Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind: Cervarix® gegen die Hochrisiko-HPV 16, 18 und Gardasil 9® zusätzlich gegen die Hochrisiko-HPV 31, 33, 45, 52, 58 und gegen die Genitalwarzen auslösenden HPV-Typen 6, 11. In der Schweiz wird noch der älteste HPV-Impfstoff Gardasil® verwendet (gegen HPV 6, 11, 16, 18).

Ein Impfschutz gegen die genannten Viren lässt sich nur erzielen, wenn bis zum Zeitpunkt der Impfung noch keine Infektion mit den entsprechenden HPV erfolgt ist. Darum wird empfohlen, die Impfung noch vor dem üblichen Beginn des sexuell aktiven Lebens, also im Alter zwischen 9 und 14 Jahren durchzuführen. Sie soll zweimal im Abstand von 6 Monaten, bei Impfbeginn nach dem 14. Geburtstag dreimal innerhalb eines Jahres durchgeführt werden. Langzeitstudien zur Dauer des Impfschutzes und Empfehlungen für Auffrischimpfungen liegen noch nicht vor.

In Deutschland wird seit 2018, ebenso wie schon länger in Österreich und der Schweiz, auch die Impfung aller 9- bis 14-jährigen Jungen empfohlen. Dies soll die sog. Herdenimmunität der Mädchen verbessern und vor einigen sehr seltenen Krebsformen an Penis und Anus schützen. Hier stellt sich die Frage, wie sozial man bei einem Impfstoff mit Risiken sein sollte, insbesondere, wenn der persönliche Nutzen sehr gering ist.

 

Was sollte noch berücksichtigt werden?

  • Das Risiko einer Infektion mit HPV oder anderen sexuell übertragbaren Viren (z. B. Hepatitis-B-Virus, HIV) wird durch häufig wechselnde sexuelle Kontakte erhöht. Kondome bieten einen guten, aber keinen 100-prozentigen Schutz vor den am Muttermund einwirkenden Hochrisiko-HPV-Typen.
  • Ob jemand nach dem Kontakt mit einem HP-Virus infiziert wird und ob die Infektion bestehen bleibt oder wieder ausheilt, hängt entscheidend von der Widerstandsfähigkeit des Organismus ab. Hierauf kann jeder selbst Einfluss nehmen, zum Beispiel durch eine verantwortungsbewusste Ernährung, einen gesunden Lebensrhythmus, Schlaf, Sport sowie das Vermeiden von Suchtverhalten, insbesondere Rauchen.

  •           Durch die übliche Krebsfrüherkennungsuntersuchung (Pap-Test) sind Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs fast immer rechtzeitig zu erkennen und lassen sich mit einem ambulanten Eingriff operativ entfernen. Auch HPV-Geimpfte sollten das Früherkennungsangebot wahrnehmen, da die gegenwärtigen Impfstoffe nicht alle onkogenen HPV-Infektionen verhindern können.

  • Die Impfstoffe Gardasil®, Gardasil 9® und Cervarix® schützen nur gegen einen Teil der Hochrisiko-HP-Viren, die mit Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht werden. Nach Berechnungen aus verschiedenen Studien verringern sie das Risiko höhergradiger Dysplasien um 40 bis 50 Prozent. Ob damit auch ein signifikanter Schutz vor Krebs einhergeht, ist bisher nicht gesichert. Ein definitiver Nutzenbeleg der Impfung wird wegen der langsamen Krebsentwicklung noch viele Jahre auf sich warten lassen. Und er wird schwierig zu erbringen sein, weil viele Variablen das Krebsrisiko bestimmen, etwa das Rauchverhalten, das Sexualverhalten oder der Erfolg der Früherkennungsprogramme. Die Impfwirkung kann ihrerseits durch Nachlassen des Impfschutzes eingeschränkt werden.

  •          Die HPV-Impfstoffe stehen an der Spitze aller Impfstoffe, was Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen betrifft, möglicherweise, weil sie neuartige und sehr potente Aluminiumzusätze zur Wirkungsverstärkung enthalten. Häufige Impffolgen sind Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Gelenkschmerzen. Schwerwiegende Ereignisse, die beobachtet und gemeldet wurden, sind u. a. allergischer Schock, Lungenembolie, Eierstockversagen, chronische Schmerzstörung sowie autoimmune und neurologische Erkrankungen, die in Einzelfällen bis zum Tod führen können. Da Impffolgen auch erst Monate später auftreten können, muss man von einer höheren Dunkelziffer nicht gemeldeter oder nicht als solcher erkannter Nebenwirkungen ausgehen.

 

Verschiedene Dimensionen des Impfentscheids

Die genannten Aspekte sowie die noch offenen Fragen zeigen, dass die Impfentscheidung derzeit auch nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken schwierig ist. Der Verzicht auf die Impfung dürfte auch für den Fall, dass sich eine Wirkung gegen Krebs einmal nachweisen lässt, kein allzu großes Risiko darstellen. Das zentrale Instrument gegen Gebärmutterhalskrebs ist und bleibt die Früherkennung.

Die positive Botschaft von Eltern (und Ärzten) an Jugendliche könnte lauten: „Wir versuchen dir einen Lebensstil zu vermitteln, der gesundheitsfördernd ist. Wir trauen dir zu, die Verantwortung für deine Gesundheit und dein Leben zunehmend selbst zu tragen. Damit möchten wir dich und deine Fähigkeiten stärken.“ – Die Urteilsbildung über die HPV-Impfung ist eine pädagogische und medizinische Herausforderung. Suchen Sie dazu das Gespräch mit Ihrem Frauenarzt, Kinderarzt oder Hausarzt.

verantwortliche Autoren

Dr. med. Marlene Brandl, Frauenärztin, Basel (CH)
Angelika Maaser, Frauenärztin, Berlin
Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
Georg Soldner, Kinder- und Jugendarzt, München
Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen

Literatur

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