Merkblatt-HPV-Impfung

Stand: Juni 2016

Seit Ende 2006 steht eine Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) zur Verfügung, die vor einer Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs schützen soll. Obwohl über die HPV-Infektion und die HPV-Impfung in vielen Medien berichtet wird, sollten Sie sich Zeit nehmen, um in Ruhe zu überlegen, ob die Impfung für Sie oder Ihre Tochter wirklich sinnvoll ist. Dieses Merkblatt soll Ihnen bei der Entscheidungsfindung helfen.

Was sind humane Papillomaviren?

Die humanen Papillomaviren (HPV) bilden eine große Gruppe von über 100 verschiedenen Virustypen, die mit einer HPV-Typnummer beziffert werden. Man geht davon aus, dass diese Viren unterschiedliche Erkrankungen an Haut und Schleimhaut verursachen können. So werden beispielsweise bestimmte Warzen an Händen oder Füßen, die oft im Schulkindalter vorkommen und auch ohne Therapie meist innerhalb von 2 Jahren wieder verschwinden, auf eine Infektion mit HPV zurückgeführt. Feigwarzen im Genitalbereich sind u.a. durch die HPV-Typen 6 und 11 verursacht und zeigen häufig eine Spontanheilung. Die meisten HPV-Typen sind harmlos. Die Übertragung der HP-Viren im Genitalbereich geschieht fast ausschließlich über sexuelle Kontakte. Der größte Teil der Bevölkerung hat im Laufe des Lebens Kontakt mit HP-Viren, sodass die HPV-Infektion die am weitesten verbreitete sexuell übertragbare Infektion ist. Zurzeit gibt es keine wirksame antivirale Therapie gegen HPV.

Es gibt eine Untergruppe von mindestens 14 Virustypen, die als sogenannte Risikoviren (High-Risk-Viren) bezeichnet werden. Diese Virustypen können Zellveränderungen am Muttermund verursachen. 60 Prozent dieser Veränderungen heilen ohne Therapie im Laufe von rund einem Jahr wieder ab, bei unter 35-Jährigen sogar in 85 Prozent der Fälle.

Bei einigen der betroffenen Frauen können aus diesen Zellveränderungen im Laufe der Jahre Krebsvorstufen entstehen. Bei ungefähr einem Prozent von ihnen entwickelt sich schließlich ein Gebärmutterhalskrebs. Bestimmte Faktoren wie Rauchen, Einnahme der Pille, Abwehrschwäche oder vaginale Infekte erschweren dem Körper, mit seinem Abwehrsystem die HPV-Infektion zu überwinden.

Gebärmutterhalskrebs: Entstehung und Früherkennung

Es gibt kaum eine Krebsart, die in der Früherkennung so gut diagnostiziert werden kann wie der Gebärmutterhalskrebs. Mit dem Abstrich von Gebärmutterhals und Muttermund lassen sich deutliche Zellveränderungen (Pap IIID, Vorstadien von Vorstadien des Gebärmutterhalskrebses) und auch tatsächliche Vorstadien von Gebärmutterhalskrebs (Pap IVa) erkennen. Bestätigt sich der Befund bei Kontrolluntersuchungen, ist die Entnahme einer Gewebeprobe angezeigt.

Bei einem Pap-IIID-Befund (leichte bis mittelgradige Zellveränderung) ist eine regelmäßige Abstrichkontrolle alle 3 bis 6 Monate notwendig, da sich bei diesem Befund im Laufe von ein bis zwei Jahrzehnten eine Krebserkrankung entwickeln kann. Andererseits heilt ein solcher Befund in etwa 40 bis 50 Prozent der Fälle wieder spontan ab. Bei hochgradigen Zellveränderungen oder bei Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium führt eine operative Entfernung (Konisation) des veränderten Gewebes in aller Regel zur Heilung. Nur bei fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs ist eine Entfernung der Gebärmutter notwendig. Seit der Einführung der gynäkologischen Krebsfrüherkennung konnte die Häufigkeit des Gebärmutterhalskrebses um 70 Prozent gesenkt werden – obwohl nur rund die Hälfte der Frauen regelmäßig zur Untersuchung geht.

Was kann die HPV-Impfung? Was kann sie nicht?

Da bei über 90 Prozent der Frauen mit Gebärmutterhalskrebs eine High-Risk-HPV-Infektion feststellbar ist, wird auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Infektion und Krankheitsbild geschlossen. Seit 2007 wird daher die Impfung gegen HPV empfohlen. Es gibt drei Impfstoffe: Cervarix® gegen die Hochrisiko-HPV 16 und 18, Gardasil® zusätzlich gegen die Genitalwarzen auslösenden HPV-Typen 6, 11 und Gardasil 9® zusätzlich gegen die Hochrisiko-HPV 6, 11, 31, 33, 45, 52, 58.

Ein Impfschutz gegen die genannten Viren wird nur dann erreicht, wenn bis zum Zeitpunkt der Impfung noch keine Infektion mit den entsprechenden HPV erfolgt ist. Darum wird empfohlen, dass sich Mädchen (tendenziell weltweit, insb. in Österreich und der Schweiz auch Jungen) noch vor Beginn ihres sexuell aktiven Lebens, im Alter zwischen 9 und 14 Jahren, impfen lassen. Die Impfung soll zweimal im Abstand von sechs Monaten, bei Impfbeginn nach dem 14. Geburtstag dreimal innerhalb eines Jahres durchgeführt werden. Langzeitstudien zur Dauer des Impfschutzes und Empfehlungen für Auffrischimpfungen liegen noch nicht vor.

 

Was sollte noch berücksichtigt werden?

    • Das Risiko einer Infektion mit HPV oder anderen sexuell übertragbaren Viren (z.B. Hepatitis-B-Virus, HIV) wird durch wechselnde sexuelle Kontakte erhöht. Kondome bieten einen hohen Schutz vor den am Muttermund einwirkenden High-Risk-HPV-Typen. Auch das regelmäßige Waschen des Penis beim männlichen Geschlechtspartner verringert das Ansteckungsrisiko deutlich. Das sexuelle Verhalten hat also direkten Einfluss auf das Risiko, sich zu infizieren.
    • Ob jemand nach dem Kontakt mit einem HP-Virus infiziert wird, ob die Infektion bestehen bleibt oder wieder ausheilt, hängt auch mit der Widerstandsfähigkeit des Organismus zusammen. Hierauf kann jeder selbst Einfluss nehmen, zum Beispiel durch den verantwortungsbewussten Umgang mit Ernährung, Lebensrhythmus, Schlaf und Sport sowie das Vermeiden von Suchtverhalten, insb. Rauchen.
    • Durch die übliche Krebsfrüherkennungsuntersuchung (Pap-Abstrich) sind Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs fast immer rechtzeitig zu erkennen und lassen sich dann mit einem ambulanten Eingriff operativ entfernen.
    • Die Impfstoffe Gardasil® und Cervarix® schützen nur gegen einen Teil der High-Risk-HP-Viren, die mit Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht werden. Nach Berechnung aus verschiedenen Studien verringern sie das Risiko höhergradiger Dysplasien um 40 bis 50 Prozent. Ob damit auch ein signifikanter Schutz vor Krebs einhergeht ist, ist bisher nicht gesichert.
    • Wenn gegen bestimmte HPV-Typen geimpft wird und diese damit zurückgedrängt werden, ist nicht auszuschließen, dass andere dadurch in den Vordergrund rücken (sog. Replacement).
    • Die Impfung ist nicht frei von Nebenwirkungen: Es können Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Gelenkschmerzen auftreten. Schwerwiegende Ereignisse, die beobachtet und gemeldet wurden, sind u.a. allergischer Schock, Lungenembolie, chronische Schmerzstörung. Ebenso können Autoimmunerkrankungen ausgelöst werden. Da diese auch erst Monate nach der Impfung auftreten können, muss man von einer hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Nebenwirkungen ausgehen.

      Verschiedene Dimensionen des Impfentscheids

      Die genannten Aspekte sowie die noch offenen Fragen zeigen, dass eine fundierte Impfentscheidung nach sorgfältiger Abwägung gefällt werden sollte. In diesem Merkblatt wird aufgezeigt, dass es möglich ist, auf die Impfung zu verzichten, ohne ein Risiko einzugehen. Mit und ohne Impfung sollte die Krebsfrüherkennungsuntersuchung regelmäßig wahrgenommen werden. Neben diesen medizinischen Aspekten sei an dieser Stelle auch auf die wichtige pädagogische Komponente bei der Impfentscheidung hingewiesen: Es geht um eine Form der Prophylaxe, die das spätere Sexualverhalten der Jugendlichen beeinflussen kann. Viele Jugendliche meinen, nach der Impfung „geschützt“ zu sein. Derzeit handelt es sich jedoch um eine Impfung gegen nur einen Teil der Hochrisiko-HPV-Typen – und gegen nur eine von vielen sexuell übertragbaren Infektionen.

      Beim heutigen Angebot an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen und diesbezüglicher Aufklärung sowie vor dem Hintergrund der zumindest in den meisten (west-) europäischen Ländern sinkenden Erkrankungsraten an Gebärmutterhalskrebs halten wir eine Impfung mit ggf. ernsthaften Nebenwirkungen für problematisch.

      Die positive Botschaft von Eltern (und Ärzten) an Jugendliche könnte lauten: „Wir versuchen dir einen Lebensstil zu vermitteln, der gesundheitsfördernd ist. Wir trauen dir zu, zunehmend selbst die Verantwortung für deine Gesundheit und dein Leben zu tragen. Damit möchten wir dich und deine Fähigkeiten stärken.“ – Die Urteilsbildung über die HPV-Impfung ist eine pädagogische und medizinische Herausforderung. Suchen Sie dazu das Gespräch mit Ihrem Frauenarzt, Kinderarzt oder Hausarzt.

      Literatur

      Hirte M. HPV-Impfung: Nutzen, Risiken und Alternativen der Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge. München: Droemer Knaur; 2016.

      Verantwortliche Autoren

      Dr. med. Marlene Brandl, Frauenärztin, Witten
      Angelika Maaser, Frauenärztin, Berlin
      Dr. med. Bart Maris, Frauenarzt, Krefeld
      Georg Soldner, Kinderarzt, München
      Dr. med. Gabriela Stammer, Frauenärztin, Wennigsen


      Herausgeber

      GAÄD | Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V.
      Herzog-Heinrich-Straße 18
      80336 München

      Tel. (089) 716 77 76-0, Fax -49

      www.gaed.de | infonoSpam@gaed.de

      5. Auflage | Stand Juni 2016

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