Anthroposophische Psychotherapie

In den Anfängen der europäischen Kultur hat die Heilkunde in den Tempeln stattgefunden. Wo steht der moderne Psychotherapeut heute?

Nach der Inauguration der Psychoanalyse als wissenschaftliche Methode hat sich im Verlauf des 20.Jh. eine inzwischen große Zahl psychotherapeutischer Schulen weltweit entwickelt. Die zunächst noch kaum beachteten Hinweise Dr. phil. R. Steiners sind in den letzten vierzig Jahren in über 15 Ländern, unter anderem in den Niederlanden durch Bernhard Lievegoed und in Deutschland durch die KollegInnen am Institut für anthroposophisch-erweiterte Psychotherapie, maßgeblich durch Käthe v. Weizäcker, Paul von der Heide, Werner Priever und Herta Lauer aufgegriffen und für die Psychotherapie nutzbar gemacht worden. Die Erweiterung gängiger psychotherapeutischer Diagnostik, Begriffsbildung und therapeutischer Technik besteht in der Betrachtung des Seelischen nach zwei Richtungen: in welcher Beziehung steht das individuelle Seelenleben zu der Lebenskräfte-Organisation des Patienten einerseits sowie zu seinem geistigen Kern andererseits.

Diese Betrachtung ermöglicht erstens den Blick auf die leibliche Genese psychopathologischer Symptomatik als Gegenbild zur anerkannten Psychogenese somatischer Störung. Zweitens ermöglicht das Wissen von der die Zeiten überdauernden Individualität eine Ahnung vom Schicksals-Faden dieses Menschen. Somit ergeben sich weitere Blickwinkel für seelisch  gesunde als auch pathologische Bewältigungs-Strategien.

Heute wird Anthroposophische Psychotherapie von ärztlichen und psychologischen KollegInnen mit Weiterbildungen aus den diversen Psychotherapie-Schulen durchgeführt. Gegenstand der Behandlung sind die krankheitswertigen Diagnosen des Kapitels F der internationalen Diagnosen-Klassifikation ICD-10. Die Fall-bezogene Zusammenarbeit anthroposophischer Psychotherapeuten mit Ärzten, Kunst-, Körper-, und Bewegungs-Therapeuten ermöglicht dem Ich des  seelisch kranken Menschen, Schritte in der Gesundung seines aus den Fugen geratenen Zusammenspiels der Wesensglieder und seiner Konstitution zu tun und gibt Unterstützung bei der Suche nach seinen geistigen Impulsen für dieses Leben.

Anthroposophisch-psychotherapeutische Methodik ergänzt den genuin psychotherapeutischen Prozess der Gegenwarts- und Vergangenheits-bezogenen Betrachtung um das Wahrnehmen des Stromes aus der Zukunft. Dieser impulsiert die Vorbereitung für künftige Aufgaben und kommt gleichsam in der Horizontalen dem Strom der Vergangenheit entgegen. Aus der Vertikalen herunter berührt die geistige Individualität im Seelenraum den Leib. Am Punkt des Zusammentreffens dieser Ströme entsteht „Geistesgegenwart“. Diese Gegenwarts-Momente sind jeweils einzigartig, sie sind nicht wiederholbar. Sie sind Ausdruck des glückenden therapeutischen Geschehens und müssen in jeder Therapiestunde wieder neu ermöglicht werden. Vergangenheit und Zukunft lassen in diesen Gegenwarts-Momenten einen Raum um die Ich-Mitte entstehen, in der der geistige Kern dieser Individualität präsent sein kann. Der Patient erlernt zunehmend, seinen Lebensweg aus diesen Kräften seiner Mitte heraus zu gestalten.