Medizin und Menschenbild

Medizin, die sich in ihrem Handeln dem Patienten in seiner Würde als Mensch verpflichtet und ihn nicht auf seine Befunde reduziert, muss methodisch über die Naturwissenschaft hinaus eine anthropologische Grundlage haben. Denn die Frage, was für den Patienten jeweils nicht nur eine wirksame, sondern eine gute Behandlung ist, schließt ihn selbst mit ein. Sie ist nicht rein naturwissenschaftlich beantwortbar, sondern fordert ein patientenbezogenes Krankheitsbild und damit ein Menschenbild. Renommierte Neurobiologen nennen heute die „Aktivierung der Selbststeuerung [des Patienten] ein Kriterium guter Medizin“ und zitieren F. Schiller: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“. „Was viele Patienten, gerade mit schweren Erkrankungen beschäftigt, ist die Frage nach dem Selbst, nach ihrer Individualität und Identität“1. Werden der Patient und gegebenenfalls seine Angehörigen in der Diagnosestellung umfassend gesehen und informiert und werden sie aktiv in therapeutische Entscheidungen eingebunden, so kann dies wesentlich zu einer besseren Lebensqualität und oft auch zu einem besseren Krankheitsverlauf beitragen.

Die Grundeinstellung des Arztes zum Patienten wird durch das Menschenbild der Medizin wesentlich beeinflusst. Ärzte mit einem rein naturwissenschaftlich-biologisch geprägten Krankheitsverständnis entwickeln nachweislich weniger Empathie für ihre Patienten als Ärzte, die der seelisch-geistigen Individualität des Menschen einen eigenen Stellenwert einräumen.2 Medizinische Anthropologie, die die Dimensionen des Menschlichen und damit die Würde des Menschen selbst angemessen erfasst, erscheint heute als dringendes Erfordernis. Dazu kann und möchte die Anthroposophische Medizin einen Beitrag leisten.3

Ethik in der Medizin

Aus anthroposophisch-medizinischer Sicht begründet der geistige Aspekt des Menschen (sein „Ich“) die Würde und Verantwortung des Menschen. Die geistige Existenz der menschlichen Individualität wird durch Krankheiten, Störungen und Behinderungen auf körperlicher oder seelischer Ebene nicht in Frage gestellt. Vielmehr können diese dazu beitragen, sich Individualität erneut und verstärkt bewusst zu machen. Das gilt für den Patienten selbst, für seine Angehörigen und diejenigen, die ihn begleiten und behandeln, besonders dann, wenn sich der Patient selbst aufgrund seiner Erkrankung oder Behinderung nicht in gewohnter oder leicht verständlicher Weise äußern kann. Die spirituelle Dimension des Patienten wird heute z.B. in der Palliativmedizin zunehmend berücksichtigt und hat sich dabei als eine wertvolle, therapeutisch wirksame Ressource erwiesen.

In diesem Sinne gibt es keine „aussichtslose Situation“, aber auch kein „man muss“. Neben die Frage: Was fehlt? tritt gleichberechtigt die Frage: Wer ist erkrankt bzw. durch eine Behinderung eingeschränkt? Welche Therapie ist nicht nur allgemein zweckmäßig, sondern für diesen Patienten die bestmögliche im Einklang mit seinen Intentionen, Werten und Ressourcen? Dass der Patient und seine Angehörigen sich als Mensch wahr- und ernstgenommen fühlen, dass sich die Medizin ihren Fragen, Werten und dem Recht auf Selbstbestimmung angemessen öffnet, ist die ethische Grundlage einer im besten Sinne integrativen Humanmedizin.

(G. Soldner)


Literatur:

1 Bauer J.: Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, Blessing 2015, 4. Aufl., 113, 115 & 156.

2 Lebowith M. S., Ahn W. K.: Effects of Biological Explanationes for Mental Disorders in Clinicians Empathy, Proceedings of the National Academy of Sciences [PNAS] 2014, online

3 Girke M. & Matthiessen P. (Hrsg): Medizin und Menschenbild, VAS-Verlag 2015, erw. Aufl., 185-210; Kiene H.: Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung. Cognition-based Medicine, Springer 2001, 1. Aufl.

Weitere einführende Literatur finden Sie hier.